DLRG Fahrensodde : Ferien für Hartgesottene

Platz ist in der kleinsten Hütte: Sechs DLRG-Rettungsschwimmer aus Wesselburen teilen sich ein Zimmer, eine Toilette und eine Gemeinschaftsdusche.  Fotos: Staudt (2)
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Platz ist in der kleinsten Hütte: Sechs DLRG-Rettungsschwimmer aus Wesselburen teilen sich ein Zimmer, eine Toilette und eine Gemeinschaftsdusche. Fotos: Staudt (2)

Winzig, gammlig, zugig: Das DLRG-Quartier in Fahrensodde hat unter den ehrenamtlichen Lebensrettern einen schlechten Ruf. Acht junge Männer und Frauen teilen sich einen winzigen Schlafraum und eine Toilette.

shz.de von
30. Juli 2015, 14:30 Uhr

Flensburg | Wiedervorlage – so heißt in der öffentlichen Verwaltung, in der Politik oder bei der Justiz die Strategie, damit eine Akte nicht in Vergessenheit gerät. Die Tageblatt-Redaktion holt in einer Serie öffentliche Vorgänge „auf Wiedervorlage“, dass heißt, fragt nach, was aus diesem oder jenem Thema geworden ist.

Es gibt kleinere Rumpelkammern, und das Dach ist noch halbwegs dicht. Die Scheiben sind aus Panzerglas lassen sich nicht öffnen. Wenn also die Sonne aufs Pavillondach knallt, sind im Inneren schnell die Siedewerte eines Dampfdrucktopfes erreicht, dafür schafft es die energiehungrige Elektroheizung an kühleren Tagen nicht, so etwas wie Wärme zu verbreiten. Acht junge Männer und Frauen teilen sich einen winzigen Schlafraum und eine Toilette, zur Gruppendusche in einem abrissreifen Barackengebäude sind es 200 Meter. Fernsehen funktioniert nicht, Internet ist quälend langsam. Und das sind nur einige Ausstattungsdetails einer Ferienbehausung, in der Jahr für Jahr ehrenamtliche DLRG-Rettungsschwimmer die beste Zeit des Jahres verbringen. Ihren Urlaub. Willkommen in Fahrensodde 20, dem Hauptquartier der Flensburger DLRG.

Deren Vorsitzender Torsten Brocks leitet seinen 450 Mitglieder starken Verein in einem chaotisch möblierten Büro. Der Kopierapparat verschwindet unter Bettwäsche, Matrazen, Getränkeund Lebensmittelkartons, gleich um die Ecke müffelt noch das Geschirr vom letzten Abend auf der winzigen Küchenzeile. Die Rettungsschwimmer der Strandwache sind draußen an den Stränden – dem Dauerregen zum Trotz. „Wenn die abends mit nassen Klamotten hier ankommen, gibt es nichts zum Aufwärmen“, sagt Brocks. „Da kann man nur auf trockenes Wetter hoffen.“

Zur Zeit verstärkt eine DLRG-Gruppe aus Wesselburen das Flensburger Team. Ursprünglich waren es zehn Leute. Zwei Helfer sind schon wieder weg. Wegen des Quartiers. „Das kann nur funktionieren, wenn man aufeinander eingespielt ist“, sagt einer der tapferen Dithmarscher. „Leute, die sich nicht kennen, bekommen hier schnell einen Lagerkoller!“

Torsten Brocks nickt zustimmend. Jahr für Jahr muss er zur Unterstützung des eigenen Teams Helfer aus Schleswig-Holstein anwerben. Jahr für Jahr wird das schwieriger. „Der Standort Flensburg hat einen ganz, ganz schlechten Ruf.“ Da gibt es bessere Adressen etwa im Kieler oder Lübecker Bereich. Oder gleich um die Ecke in Glücksburg oder Langballigau. Die Wesselburener, auf die Brocks sich die letzten Jahre fest verlassen konnte, haben durchblicken lassen, dass dieses Mal das letzte Mal gewesen sein könnte. Niemand hat dafür mehr Verständnis als der Flensburger DLRG-Chef. Brocks weiß, dass Fahrensodde außer landschaftlichen Reizen nichts zu bieten hat. „Irgendwann ist dann auch mal Schluss!“

Es ist ja nicht nur die Strandwache, die von der DLRG gestellt wird. Jahr für Jahr sichern die ehrenamtlichen Helfer kleine und große maritime Veranstaltungen ab, rücken mit ihren schnellen Schlauchbooten bei Unfällen zur Wasserrettung aus. Bis 2011 war in den brüchigen Liegenschaften wenigstens noch ausreichend Platz vorhanden. Doch dann wurde die baufällige Flugzeughalle gesperrt und der DLRG der Pavillon zugewiesen, in dem in den 70er-Jahren die Dasa-Pförtner ihren Dienst taten. Seither mahnt Brocks bei Politik und Verwaltung eine bessere Unterbringung an. Er kommt stets als Bittsteller, denn der Ortsverband verfügt nicht über die Mittel, einen eigenen Neubau finanziell zu stemmen.

Seit Jahren soll die städtische Liegenschaft überplant und entwickelt werden. Bis 2014 durfte auf Beschluss des Rates die Firma Dantronik als Privatinvestor ein Maritimes Dienstleistungszentrum konzipieren, in dem die Unterbringung der DLRG von den Gewerbetreibenden subventioniert worden wäre. Damit war vor einem Jahr Schluss, weil CDU, SPD, Grüne und FDP eine Kehrtwende erzwangen, alles auf Null stellten und die Stadt mit einer Neuplanung beauftragten. Auf einer Bürgerinformation im Juni wurde deutlich, dass dieser sehr umstrittene Beschluss das Planungstempo nicht wirklich beschleunigt hat. Die Stadt präsentierte vor 120 ziemlich enttäuschten Bürgern einen Landschaftsplan, auf den jemand drei graue Vierecke als mögliche Gebäudestandorte gemalt hatte, einziges Resultat von zehn Monaten Planungszeit – und kein Wort zur Zukunft der Flensburger DLRG.

Die Verwaltung ließ gestern durchblicken, dass die Problemstellung DLRG-Unterbringung losgelöst von der gesamtplanerischen Lösung für die Liegenschaft Fahrensodde 20 vorangetrieben wird. Rathaussprecher Clemens Teschendorf erklärte auf Anfrage, dass aktuell eine Reihe von Gesprächen zu dem Thema geführt werde. „Wir sind zuversichtlich, dass wir schon bald vor Ort eine gute Lösung präsentieren können.“

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