Flensburger Architektur : Feldsteinbauten im Wandel der Zeit

Eine Kirche wie im Dorf: St. Johannis in der östlichen Altstadt gehört zu den ältesten Gebäuden Flensburgs.
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Eine Kirche wie im Dorf: St. Johannis in der östlichen Altstadt gehört zu den ältesten Gebäuden Flensburgs.

Eine neue Serie befasst sich mit Flensburgs ältesten Architekturzeugnissen. Teil 1: St. Johannis in Adelby und in der östlichen Altstadt.

shz.de von
22. Juli 2015, 11:30 Uhr

Flensburg | Vor wenigen Wochen ist ein neuer, kompakter Architekturführer für die Stadt Flensburg erschienen. Auf 170 Seiten vermittelt er einen Überblick, was die Stadt an herausragenden Bauwerken und Kulturdenkmälern vorweisen kann. Die beiden Autoren Henrik Gram und Eiko Wenzel haben mit den Augen von Architekten und Denkmalpflegern die Objekte ausgewählt und beschrieben, die nach ihrer Meinung die Baukultur in der Fördestadt prägen. Eiko Wenzel gibt in einer zehnteiligen Serie im Flensburger Tageblatt einen Überblick über den Inhalt dieses neuen Buches. Zum Auftakt: Flensburgs älteste Architekturzeugnisse.

Von der Baugeschichte einer Stadt geht unweigerlich eine Faszination aus. Je reicher eine Stadt an Bauten aus ihrer Vergangenheit ist, desto mehr erzählt sie über ihre Geschichte und über die Menschen, die vor Hunderten von Jahren in dieser Stadt gelebt haben. Und vielfach prägt sie sogar das heutige Bauen, indem ungeschriebene Gesetzmäßigkeiten noch heute angewendet werden. Dann spricht man von einem Genius Loci, der der Stadt innewohnt. Sicher hat Flensburg einen speziellen Genius Loci, der möglicherweise bereits durch die einzigartige landschaftliche Lage bestimmt wird. Das Fördetal mit seinen besonderen Voraussetzungen für eine Besiedlung hat den Städtebau seit dem Mittelalter geprägt.

Neben der heute noch im Straßenverlauf und in den Parzellen ablesbaren mittelalterlichen Struktur Flensburgs sind die Kirchen die ältesten, noch erlebbaren Zeugnisse des Bauens. Vermutlich ist die Dorfkirche St. Johannis zu Adelby das älteste Bauwerk auf Flensburger Gebiet. Sie wurde als einschiffiger Feldsteinbau im 12. Jahrhundert errichtet und gehört zu den ältesten Kirchen im Angeliter Raum. Wie fast alle historischen Bauten hat sich natürlich auch die Adelbyer Kirche im Laufe der Jahrhunderte stark verändert. Wenn wir heute ein Bild dieser Kirche vor Augen haben, ist es nicht allein der Bau des 12. Jahrhunderts, sondern auch alle späteren Veränderungen, die im Laufe der Jahrhunderte hinzugekommen sind. Im Architekturführer wurde daher versucht, alle prägenden Veränderungen, Instandsetzungen und künstlerischen Ausstattungen aufzuzeigen, die das heute vor uns stehende Bauwerk prägen.

Bei der Adelbyer Kirche ist dies das spätgotische Vorhaus (sog. Frauenhaus) an der Nordseite, das mit seinem blendengezierten Giebel schon den Wechsel vom Feldstein- zum Backsteinbau zeigt. 1726 wurde nach Abbruch des hölzernen Glockenturms die Kirche nach Westen verlängert und mit einem neuen Backsteinturm versehen. Wie auch der Zahlenanker noch heute verkündet, erhielt dieser Turm nach 1775 eine Granitquaderverkleidung an der Westseite, in die auch das Spiegelmonogramm König Christians VII eingefügt ist. Die Kirche wurde 1963/64 unter der Leitung der Hamburger Kirchenbauarchitekten Bernhard Hopp und Rudolf Jäger durchgreifend restauriert. Das innere Bild dieses Kirchenbaus wird nicht nur durch seine herausragenden Kunstwerke, z.B. die gotländische Kalksteintaufe aus der Zeit um 1280, bestimmt, sondern auch durch die Neuinterpretation des Innenraums im 20. Jahrhundert.

Der romanischen Feldsteinkirche von Adelby steht der Ursprungsbau der Johanniskirche in der östlichen Altstadt sehr nahe. Vermutlich ist St. Johannis eine Filialkirche von Adelby und vielleicht auch noch vor 1200 als Feldsteinbau entstanden. Um 1400 wurde die Kirche nach Osten erweitert und durch einen schönen Backsteingiebel lübischer Prägung abgeschlossen. Auch hier bestimmt der erst im 18. Jahrhundert hinzugefügte Turm das äußere Bild. Eine besondere Prägung erhält der Kirchenbau aber im Innern durch seine kurz vor der Reformation erfolgte Einwölbung mit spätgotischen Kreuzrippengewölben. Die Ausmalung der Gewölbe erfolgte nach dem Wappen des dänischen Königs Hans (1455-1513) im Chor wohl um 1510. In ein reiches Dekor von Akanthusranken und Granatapfelblüten ist ein festes ikonografisches Programm eingefügt. Bemerkenswert sind vor allem die satirischen Tierallegorien, eine offene Kritik an Kirche und Ablasswesen am Vorabend der Reformation.

Beide Kirchen sind nicht nur die ältesten Flensburger Architekturzeugnisse, sondern bis heute lebendige Orte des Gemeindelebens. Dies kann man besonders schön in der Heiligen Nacht erleben, wenn in St. Johannis die jährliche Rockmesse gefeiert wird.

Henrik Gram/Eiko Wenzel, Zeitzeichen. Architektur in Flensburg, hrsg. von der Architekten- und Ingenieurkammer Schleswig-Holstein, dem Landesamt für Denkmalpflege, der Stadt Flensburg und dem Verein Flensburger Baukultur, erschienen im Verlagshaus Leupelt, Handewitt, 2015, ISBN 978-3-943582-11-6, 14,80 €.



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