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Zehntägiges Treffen : Feiertage für die Gesellen auf der Walz

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

80 Handwerksburschen treffen sich in den nächsten Tagen im Feriendorf Golsmaas an der Ostsee

shz.de von
erstellt am 25.Dez.2013 | 09:30 Uhr

Nicht mal an Weihnachten dürfen wandernde Handwerksgesellen nach Hause. Drei Jahre und einen Tag sollen sie ihrem Heimatort nicht näher als 50 Kilometer kommen. Was die Tradition verlangt, bereitet drei „Fremdgeschriebenen“ – wie sie altertümlich genannt werden – keinen Kummer. Martin, Jona und Dennis sind 21 bis 28 Jahre alt und stammen aus dem Erzgebirge, vom Ammer- beziehungsweise Bodensee.

Traurig sehen sie nicht aus. Vielmehr haben sie alle Hände voll zu tun, ein zehntägiges Treffen für Gleichgesinnte abzuhalten, das mit tatkräftiger Unterstützung der Kreishandwerkerschaft Flensburg und der Innungen möglich wurde. Es findet im Feriendorf Golsmaas unweit von Gelting statt. „Wir haben da ein günstiges Angebot bekommen“, erklärt Martin, der Schlosser gelernt hat und sich, wie es auf der Walz üblich ist, nur mit Vornamen anreden lässt. Zu Silvester erwarten Martin, Jona und Dennis bis zu 80 Gäste, jetzt an Weihnachten sind es um die 40.

Die Regeln der Wandernden stammen zum Teil noch aus dem Mittelalter. So lange besteht die Tradition der Wanderschaft, die aus frisch gebackenen Gesellen versierte Handwerker und vor allem erfahrene Menschen machen soll. Während man der Kluft mit Hut und Schlaghosen ihre Altertümlichkeit ansieht, entsprechen die Regeln nach wie vor korrektem menschlichem Verhalten: Sich ehrbar verhalten. In der Bevölkerung genießen sie deshalb Ansehen und Vertrauen. Das haben die drei Gesellen auch in Gelting gespürt. „Wir haben von fast allen Unternehmen eine Unterstützung erhalten.

Abgesehen von der Einhaltung ihrer Regeln, leben Fremdgeschriebene ein hohes Maß an Freiheit. „Das kommt im Leben nie wieder“, erzählt Michael Schönk, 49, Zimmermannsmeister aus Havetoft. „Man musste nur für sich selber sorgen, nur das Geld verdienen, das man für den nächsten Flug braucht.“ Er flog auf seiner Walz einmal um die Welt, über Amerika, wo er seine spätere Frau kennen lernte, nach Australien und Asien.

Die Gefahr der Freiheit ist die Einsamkeit. Die bekommen Fremdgeschriebene jedoch selten zu spüren, denn sie befinden sich ja in der großen Gemeinschaft der Handwerker. Diese Gemeinschaft haben in Schleswig-Holstein auch Martin, Jona und Dennis erfahren. Von der Kreishandwerkerschaft kamen gestern Geschäftsführerin Petra Schenkluhn und Kreishandwerksmeister Albert Albertsen: „Wir unterstützen gern die alte Tradition.“ Heute an Heiligabend gibt es Würstchen und Kartoffelsalat, und Martin berichtet, was sonst noch geplant ist: „Wichteln – jeder bringt ein kleines Geschenk mit, verpackt in den ’Charlottenburger’, das ist das Tuch, in dem normalerweise das Reisegepäck verstaut ist. Dann wird gewürfelt, wer auspacken darf. Den Zimmermannsklatsch werden wir sicher zu späterer Stunde machen: Da sitzt man sich am Tisch gegenüber und klatscht sich gegenseitig die Hände. Dabei wird geschallert – denn singen kann man das nicht nennen.“


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