Fast eingefroren: Eisverkauf knapp über dem Nullpunkt

Zählung und Selbstversuch an drei Verkaufsstellen in der Innenstadt / Warten auf wärmere Zeiten

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13. Februar 2012, 05:45 Uhr

FLENSBURG | So viel Eis habe ich seit Sommer nicht gegessen. Ein Stress für die Gurgel, der mich zuletzt zum Schnupfen und einer belegten Stimme geführt hat - aber zur Freude für die Eisverkäuferinnen im Flensburger Stadtzentrum, die wegen der Kälte viel weniger zu tun haben als üblich.

Um eine Kugel Eis zu kaufen und sofort zu essen, muss man wirklich viel Mut haben. Und eine unbezwingbare Sucht nach dem Eisgenuss. So lautet die Hauptschlussfolgerung nach meiner kleinen Recherche bei drei Eisdielen.

Mit einer Stoppuhr habe ich gezählt, wie viele Passanten in 15 Minuten vorbeigehen und wie viele von ihnen Kunden geworden sind.

Holmpassage, "Eis Krüger", 15.10 bis 15.25 Uhr. Die junge Frau hinter dem Ladentisch langweilt sich fast zu Tode und nimmt fast unbeobachtet einen Bissen zu sich. Erst nach sieben Minuten kauft eine Kundin . . . eine heiße Waffel - und die Ruhe herrscht weiter. Kein anderer von 162 vorbeigehenden Erwachsenen, 115 Kindern (außer Babys) und einem Hund hat Interesse an Eis.

"In den letzten 15 Minuten haben Sie kein einziges Eis verkauft. Was meinen Sie, warum?", frage ich die Eisverkäuferin. "Weil es kalt ist! Ich stehe hier seit 30 Minuten und habe zwei Kugeln verkauft", antwortet die junge Frau. "Ich nehme die dritte, mit Kirschen". "Super!" , freut sich die Eiskönigin.

Flensburg Galerie, "Eiscafe Milano", 15.50 bis 16.05 Uhr. Die Bewegung ist sichtbar aktiver, man muss sich viel mehr Mühe geben, um Köpfe zu zählen. Also mindestens 342 Erwachsene, 156 Kinder und drei Hunde. In der 3., 5., 7., 10., 13. und 15. Minute wurden insgesamt acht Eiskugeln verkauft, darunter einem vierjährigen Jungen, einem jungen Mann mit dunkler Haut und einem Senioren. Rund die Hälfte von ihnen haben ihr Eis draußen gegessen - bei minus vier Grad!

15 Minuten sind vorbei. Ich trete vor den Eisstand und "kaufe" die Verkäuferin: "Ich nehme ein Eis mit Erdbeeren, und Sie beantworten mir ein paar Fragen." Abgemacht!

"Acht Kugeln Eis in 15 Minuten ist gut für diese Zeit", sagt die junge Frau. "Am Vormittag kann man zwei Stunden stehen und nur ein paar Kugeln verkaufen. Kein Vergleich zum Sommer und auch zu Dezember und Januar. Nun ist es kurz vor Feierabend und das Wetter ist nicht mehr so kalt. Eis", fügt sie hinzu, "ist eine der beliebsten Süßigkeiten in Deutschland." Sie selbst isst wenig Eis. "Ich bin immer beim Eis und esse es eher geistig", lächelt sie.

Dritte Eisdiele zum Recherchieren sollte das Café "Eiszeit" am Holm sein, aber es ist verschwunden. Das Eiscafé "Italia" in der Großen Straße hat bis März Winterpause. Durch die Holmpassage kehre ich zurück in die Redaktion. Auf der Bank neben "Eis Krüger" sitzen zwei kleine Mädchen und spachteln Eiskugeln. "Ist es nicht zu kalt fürs Eis?", frage ich naiv. "Nein!!!", schreien sie zusammen und gucken mich an, als ob ich total verrückt wäre.

Unterwegs sehe ich bei einer Auslage eine ältere Frau in blauer Jacke mit einem Eis. "Kalt? Aber es schmeckt sehr gut . . .", sagt sie versonnen.

Norderstraße, Eiscafé "Sagui", 13.20 bis 13.35 Uhr. Nach zwei Monaten Winterpause ist das italienische Café seit zehn Tagen wieder geöffnet. Eis drinnen zu essen kostet zehn Cent mehr als draußen. Mit einer Kugel Stracciatella wähle ich Komfort und in einem weichem Sessel zähle ich potenzielle Kunden hinter dem Fenster. In 15 Minuten nur 29 Leute, davon elf Kinder. Alle gehen vorbei. "Seit 10 Uhr habe ich drei Kugeln verkauft - einem Erwachsenen und zwei Kindern, du bist der Vierte", erzählt der langhaarige Mauro aus Venedig und fragt sofort, ob ich italienisch spreche. "Leider nein".

Ich bin der einzige Gast im Café. Mauro schaut aus dem Fenster, freut sich über die Sonne und träumt: "Bald kommt Sommer . . ."

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