Von Idlib nach Flensburg : Familienzusammenführung: Happy End nach der Flucht

Höhen und Tiefen einer Familienzusammenführung: Hares macht eine Ausbildung und hat seine Familie nach Flensburg geholt.

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09. Juni 2018, 06:15 Uhr

Flensburg | Auf der Flucht 2015 über die Türkei habe er damals seinen kleinen Bruder 18 Tage lang auf dem Arm getragen, sagt Hares (Name geändert). Dabei war er selbst fast noch ein Kind. Dass sich das Blatt zweieinhalb Jahre nach Ankunft zuerst in Bayern zum Guten wenden würde, hätte der 19-Jährige aus dem nordsyrischen Idlib nie geglaubt.

An einem denkwürdigen 21. April landeten seine Eltern und seine drei Geschwister auf dem Flughafen in Hamburg und leben nun mit dem jüngsten Knirps in einer Wohnung bei Flensburg. Hares selbst hat das erste Jahr seiner Ausbildung zum Fachinformatiker für Systemintegration absolviert und gerade seine eigene Wohnung bezogen.

Doch der Reihe nach: Unter dem Titel „Ein Datum zerreißt eine Familie“ berichtete das Flensburger Tageblatt am 18. Oktober 2016 über eine Tücke der Familienzusammenführung. Denn Hares 18. Geburtstag steht bevor, der Stichtag, nach dem die Zusammenführung nur noch über den damals zweijährigen Bruder möglich ist. Parallel gibt es Probleme mit den Pflegeeltern – die lösen sich wiederum mit der Volljährigkeit; Hares kümmerte sich von da an allein um den Kleinen, liebevoll, aber ziemlich streng, wie er erzählt. „Er durfte bei mir nichts“, sagt Hares.

Eltern vom IS gefoltert

Beide leiden darunter, dass sie auf der Flucht von ihrer Familie getrennt worden sind, sorgen sich um ihre Eltern, die nach Syrien ausgewiesen, dort in Gefangenschaft des IS gerieten und gefoltert werden. Nur knapp kommen sie mit dem Leben davon, weil die Regierung sich einschaltet. Der Vater, ein Druse und erst Pilot, dann Autohändler, die schwer verletzte Mutter, hohe Beamtin der Verwaltung, und drei Kinder retten sich in den Libanon und halten Kontakt zu den Jungs in Norddeutschland.

Den beiden wird im Frühling 2017 die Flüchtlingseigenschaft zuerkannt. Seither unternimmt Hares alles, um die Familie über seinen kleinen Bruder zusammenzuführen. „Wir haben die so genervt“, sagt er über seine Hartnäckigkeit gegenüber der Deutschen Botschaft in Beirut bei Wartezeiten von acht Monaten, nur damit seine Eltern Unterlagen oder Fingerabdrücke abgeben.

Die Anträge werden abgelehnt, nur die Eltern dürften kommen, nicht aber die Geschwister. Niklas Kildentoft, Geschäftsführer der Flensburger Flüchtlingshilfe, wirft ein, dass manche der Entscheidungen Ermessenssache seien und erklärt, nach dem Gesetz gehören Geschwister nicht zum „engsten Familienkreis“, Mutter und Vater schon.

Hares ist entmutigt. „Ich wollte zurück nach Syrien gehen. Ich hatte Verantwortung für die Familie, meinen Bruder, das war eine große Belastung.“ Gute Freunde kommen zu Hilfe und unterzeichnen eine Verpflichtungserklärung. Das heißt, sie bürgen für fünf Jahre mit ihrem Vermögen für Sozialleistungen. Und sie helfen bei der Wohnungssuche für die Eltern und vier der Kinder. „Da habe ich verdammt viel Ausländerfeindlichkeit erlebt“, bedauert Hares.

Wiedersehen am Flughafen

Auf der anderen Seite ist er Niklas Kildentoft und der Flüchtlingshilfe für die Begleitung überaus dankbar; die Helfer von Refugees Welcome initiieren am Muttertag 2016 einen Spendenaufruf, bei dem schließlich über 3500 Euro für die Wiedervereinigung der Familie herauskommen. Zum einen, sagt Katrine Hoop von Refugees Welcome, sei das Privatspendern zu verdanken, zum anderen der Firma Hans Sack und dem Erlös einer Kunstaktion bei der Nasty Women Art Exhibition.

Das Bild zeigt ein Gemälde von Iman Shabaan, das bei einer Kunstaktion verkauft worden ist, die zur Spende beitrug.
Das Bild zeigt ein Gemälde von Iman Shabaan, das bei einer Kunstaktion verkauft worden ist, die zur Spende beitrug.
 

Hares zeigt ein kurzes Video auf seinem Smartphone vom Wiedersehen der Familie im April am Flughafen. Es ist rührend, alle liegen sich in den Armen, der Kleinste, der am meisten durchgemacht hat und am besten Deutsch spricht, ist sofort bei der Mama. Der Kleine, sagt Hares, lässt sie ordentlich rennen, obwohl sie noch nicht wieder richtig laufen kann, und behauptet schon mal an der Supermarktkasse, dass der Papa noch ein paar Snickers kaufen möchte, obwohl er das garantiert nicht auf Arabisch gesagt hat. Sein kleiner Bruder „schnackt wie ein Wasserfall“, sagt Hares nicht ohne Stolz, „er ist ein schlauer Kerl, aber er nutzt das aus.“

In deutschen Besonderheiten gebrieft

Die Eltern seien froh und dankbar, dass alle zusammen sind. Hares hat sie schon vor der Ankunft für Deutschkurse angemeldet und in deutschen Besonderheiten gebrieft. Der junge Mann geht fest davon aus, dass sie Arbeit suchen und finden werden. Schon allein, um die Bürgen so bald wie möglich zu entlasten. „Wir versuchen das abzufangen, wir fühlen uns schlecht“, räumt Hares ein und hat einen Verein nach Berliner Vorbild gegründet.

Niklas Kildentoft, Geschäftsführer Flüchtlingshilfe, sagt: „Der Fall zeigt die ganze Problematik der Familienzusammenführung.“

Niklas Kildentoft, Geschäftsführer Flüchtlingshilfe, sagt: „Der Fall zeigt die ganze Problematik der Familienzusammenführung.“

 

Niklas Kildentoft findet das bemerkenswert. Und er sagt auch: „Der Fall zeigt die ganze Problematik der Familienzusammenführung.“  Mit seiner Ausbildung ist Hares fertig, wenn er 21 ist. „Dann möchte ich ein Jahr reisen, überall hin, vielleicht nochmal zum Mittelmeer“, sagt er. Und plant weiterhin wie damals in Syrien, danach ein Medizinstudium aufzunehmen.

Mehr Infos im Internet unter freundeskreisgefluechtetenahost.de

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