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Militärhistorie in der Grenzregion : Familiengeschichte aus der Gasmaske

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Wie der Harrisleer Bernhard Mroß und ein russischer Laiendarsteller die Geschichte eines deutschen Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg erforschen.

shz.de von
erstellt am 19.Dez.2016 | 12:21 Uhr

Ein Krieg ist nur dann zu Ende, wenn das Schicksal des letzten Soldaten geklärt ist. Die spannende Geschichte, die der Harrisleer Bernhard Mroß nicht nur erlebt hat, sondern nun selbst weiter entwickelt, scheint für alle ihre Beteiligten eine echte Weihnachtsstory zu sein. Der 74-jährige ehemalige Dolmetscher des Befehlshabers der Deutschen Marine und Chefdolmetscher beim Abzug der sowjetischen Streitkräfte aus Deutschland (1990-1994) hat das Schicksal eines in Ostpreußen kämpfenden deutschen Soldaten geklärt und seine Kinder in Europa und Südamerika gefunden.

In diesem Jahr am 9. Mai war Dolmetscheroffizier Kapitänleutnant a. D. Bernhard Mroß als Ehrengast nach Kaliningrad zu der Militärparade zum Siegestag der Sowjetunion und zu der anschließenden Vorführung der Erstürmung von Fort N 5 in der Stadt im April 1945 eingeladen. Nach der Inszenierung kam ein junger russischer Laiendarsteller, Anton Rusakow, mit Mroß ins Gespräch. „Er konnte anfangs nicht glauben, dass ich Deutscher bin, denn ich sprach mit meinen russischen Marinefreunden ihre Sprache. Nur nachdem ich ein paar Sätze auf Deutsch ausgesprochen hatte, glaubte er mir endgültig“, erinnert sich Mroß.

Dann erzählte ihm Rusakow über seinen Fund vor sechs Jahren an einem Strand der Frischen Nehrung rund 30 Kilometer von Pillau (heute Baltijsk in Russland): eine korrodierte Gasmaske, ungefähr einen Meter tief vergraben. Diese Maske beinhaltete ein kleines Fotoalbum mit Privat- und Kriegsfotos, eine Leica-Kamera, diverse Ersatzteile dazu, einen eingespannten Rollfilm und zwei lose Rollfilme. Im Fotoalbum war die Anschrift des Besitzers zu lesen: Hans Frik, Litzmannstadt (heute Lodz in Polen), Hermann-Goering Str. 37/3. Der Russe bat Mroß, diese Sachen in die Heimat mitzunehmen, um das Schicksal eines deutschen Soldaten klären zu können.

Versprochen, getan. Im August schickte Mroß den Fund mit einem Anschreiben an die Deutsche Dienststelle (WASt) in Berlin. Diese meldete sich bei ihm vor wenigen Wochen: Die Familie Frik gefunden! „Hans Frik kam aus dem Krieg zurück, vermutlich mit einem der letzten Schiffe nach Kiel, und geriet in englische Kriegsgefangenschaft. Später hatte er sich in Friedrichshafen am Bodensee angesiedelt und verstarb 1983“, so der Harrisleer.

Kürzlich meldete sich bei ihm aus Friedrichshafen der jüngere Sohn des Soldaten, der Bootsbauer Jochen Frik, dann schickte ihm dessen Zwillingsschwester Cornelia eine Mail. Der ältere Sohn Michel wohnt in den Bergen nördlich von São Paolo in Brasilien, er wurde Ingenieur. Die Geschwister haben engen Kontakt miteinander.

Hans Frik, schrieb Cornelia, war in Bad Wimpfen (Baden-Württemberg) geboren, hatte Landwirtschaft in Stuttgart studiert und war 1941 bis 1943 in Litzmannstadt eingesetzt, um deutschen Bauern, die nach Polen umgesiedelt wurden, landwirtschaftliche Ratschläge und Unterstützung zu geben. Ende Januar 1945 musste seine Frau mit den drei Kindern vom Gut südlich von Stettin Abschied nehmen und mit Pferd und Wagen die Flucht in den Westen antreten. Friks Gattin lebte bis 2000.

„Die Familie ist unheimlich dankbar, dass ich das gemacht habe. Die Familiengeschichte wurde für sie plötzlich gegenwärtig. Die Kinder schrieben mir, der Vater habe wenig über diesen Krieg erzählt, wie viele Menschen dieser Generation“, sagt Mroß. Die Kinder wollen nun in Kontakt mit diesem jungen Russen treten. „Er hat sich gefreut und mir gesagt: ’Ich bin stolz darauf, dass ich beitragen konnte, das Schicksal eines deutschen Soldaten zu klären‘  “.


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