Mordprozess am Landgericht Flensburg : Fall Mert Can Altunbas – „Das war doch alles nur heiße Luft!“

Recht präzise  konnte der Zeuge den Ort bestimmen, an dem die Tatwaffe entsorgt wurde. Die Polizei fand sie im strömenden Regen neben der B 200.
Recht präzise konnte der Zeuge den Ort bestimmen, an dem die Tatwaffe entsorgt wurde. Die Polizei fand sie im strömenden Regen neben der B 200.

Der Zeuge hielt beide Angeklagten für unfähig zu extremer Gewaltanwendung.

shz.de von
10. Januar 2018, 08:58 Uhr

Flensburg | Sicher ist sicher. Zeuge B. verschwand am Dienstag gleich nach seiner vierstündigen Vernehmung durch die Sicherheitsschleuse, im Zuschauerraum erhoben sich zwei uniformierte Polizisten, und ließen die Zuschauer im Mert-Can-Prozess zurück. Seitdem Zeugen von Bekannten des Mordopfers aufgelauert wurde, schaut die Flensburger Justiz noch ein bisschen genauer hin. Die beiden Polizisten sollten dafür sorgen, dass Zeuge B. auf seinem Heimweg keine bösen Überraschungen erleben würde. Zum Leidwesen der Prozessbeteiligten gab’s von dem mit Spannung erwarteten Zeugen B. im Gegenzug keine positiven Überraschungen. Wie bei vielen anderen vor ihm hielt sich das Erinnerungsvermögen erneut in Grenzen.

Vielleicht liegt’s am Außendruck. Der 21-Jährige, Fahrer des Autos, das in der Mordnacht die Angeklagten und drei an der eigentlichen Tat unbeteiligte Insassen zum Tatort in Flensburg-Klues brachte, beantragte über seinen Rechtsbeistand den Ausschluss der Öffentlichkeit. Er fühle sich von Freunden des Getöteten bedroht, ihm sei geraten worden, seine Aussage so zu dramatisieren, dass die Kammer zu einer Verurteilung wegen Mordes gelangt, wenn nicht, werde man ihm die Beine brechen; schließlich habe er bei Facebook von Fake-Accounts „Death-Mails“ bekommen, man habe ihn wissen lassen, dass viele Augen auf ihn gerichtet sein würden und dass ein Kopfgeld auf ihn ausgesetzt sei. Die Kammer um die Vorsitzende Richterin Birte Babener lehnte diesen Antrag allerdings ab. Zu unkonkret seien Furcht und Fakten erklärt, lediglich eine Person aus dem regelmäßigen Zuschauerkreis hatte der Zeuge als potenzielle Bedrohung benennen können, und der war am Dienstag nicht da.

Trotz dieser Umstände verlief die Vernehmung von B. vergleichsweise entspannt. Die beiden Angeklagten – mit I. war er befreundet, mit R. bekannt – waren für ihn keine Menschen, die auf Streit aus sind. Ausgangspunkt für das gesamte dramatische Geschehen war in seiner Erinnerung eine handgreifliche Auseinandersetzung zwischen Mert Can Altunbas und dem jüngeren Bruder von I. in einem Schiffbrücken-Lokal gewesen – zwei Wochen vor der Tat. Es stand damals wohl Spitz auf Knopf. Altunbas habe I. aufgefordert: „Hol’ all deine Albaner!“ Aber dazu kam es nicht. Beide hätten sich ausgesprochen, den Streit beigelegt. Eine Woche nach diesem Zwischenfall, eine Woche vor den tödlichen Stichen, hätten sich I. und Altunbas in einer Bar „respektvoll abgenickt“ – sicheres Zeichen, dass nichts mehr zwischen ihnen stand.

Das änderte sich in der Osternacht. Er sei mit I. und zwei Freunden auf dem Rückweg von einem Diskothekenbesuch in Husum gewesen, als R. telefonisch eine weitere Auseinandersetzung meldete. Diesmal war dessen Bruder mit Altunbas aneinander geraten und hatte Schläge bezogen. Sie hätten R. in der Angelburger Straße aufgesammelt und seien zu Altunbas gefahren. Die beiden albanischen Cousins seien aufgebracht gewesen. „Das wird die Klatsche seines Lebens“, habe I. angekündigt, „der soll sich nicht mit den falschen Albanern anlegen“ drohte R. Alle Mitfahrenden seien davon ausgegangen, dass Altunbas nur Schläge bekommen sollte. „Ich habe das als harmlos eingeschätzt“, meinte der Zeuge. „Das war nur heiße Luft. Ich kannte doch I. und R.“

Dass Altunbas erstochen wurde, hätten sie erst zu Hause am nächsten Morgen erfahren. Tagelang blieb das Thema offen. Obwohl B. zu der Zeit mit den beiden anderen Hauptzeugen in einer Wohnung lebte, sei es nicht erwähnt worden. „Wir hatten ganz andere Probleme“, meinte B. – Probleme mit den Freunden des Opfers etwa, die die drei Hauptzeugen zum Tribunal auf den Schulhof bestellten – ein Aufeinandertreffen acht gegen 50, das zum Glück glimpflich endete.

R.-Verteidiger Bernhard Mussgnug befand, das sei gegen jede Lebenswirklichkeit. Drei unter einem Dach lebende Menschen, die sich in einer Mordermittlung wiederfinden und tagelang nicht darüber reden. Immerhin: Trotz vieler Erinnerungslücken konnte der Fahrer fast millimetergenau den Ort erinnern, an dem die Tatwaffe aus dem Autofenster flog.

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