Glücksburg : Fahrradhelm-Streit: Abwarten und Tee trinken

Den Kaffee, den sie so gerne mochte, kann sie nicht mehr  genießen: Mit dem schweren Fahrradunfall  verlor   Sabine Lühr-Tanck die Fähigkeit zu riechen und zu schmecken. Die 61-Jährige ist auf Tee umgestiegen.
Den Kaffee, den sie so gerne mochte, kann sie nicht mehr genießen: Mit dem schweren Fahrradunfall verlor Sabine Lühr-Tanck die Fähigkeit zu riechen und zu schmecken. Die 61-Jährige ist auf Tee umgestiegen.

Am Dienstag verhandelt der Bundesgerichtshof im Fahrradhelm-Streit. Sabine Lühr-Tanck ist froh, wenn das Verfahren vorbei ist. Ein Besuch beim Glücksburger Unfallopfer.

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14. Juni 2014, 14:46 Uhr

Glücksburg/Karlsruhe | Das rote Hollandrad hat kaum Schaden genommen. Sabine Lühr-Tanck fährt damit weiterhin zur Arbeit. Ohne Helm. Es sind stets nur wenige hundert Meter auf diesem Gefährt, das lediglich geruhsames Radeln zulässt.

Und trotzdem: Vor drei Jahren passierte auf diesem Rad dieser schlimme Unfall in Glücksburg bei Flensburg. Da prallte die damals 58-Jährige unweit von ihrer Wohnstraße gegen die unvermittelt aufgerissene Fahrertür eines im Halteverbot abgestellten Autos. Sie schlug mit dem Kopf auf den Asphalt. Eine mehrfache Schädelfraktur sowie ein schweres Schädel-Hirn-Trauma mit inneren Blutungen, ebenso mehrmonatige Rehabilitationsbehandlungen waren die Folge. Und lang anhaltende juristische Auseinandersetzungen. Denn die Versicherung der Autofahrerin will nicht die gesamten Kosten übernehmen, die der Fahrradfahrerin infolge des Unfalls entstanden sind.

„Ich bin gespannt, aber auch froh, wenn endlich alles vorbei ist“, sagt Sabine Lühr-Tanck mit Blick auf Dienstag. Dann verhandelt der Bundesgerichtshof (BGH) in Karlsruhe über den Fall, der als „Fahrradhelm-Streit“ deutschlandweit für Aufsehen sorgt. Der Glücksburger Fahrradfahrerin war vor dem Landgericht Flensburg zunächst recht gegeben worden. Die Gegenseite ging daraufhin in Revision. Und das Oberlandesgericht (OLG) Schleswig befand: Sabine Lühr-Tanck trägt eine Mitschuld von 20 Prozent – weil sie keinen Helm trug. Obwohl es keine Helmpflicht gibt, ging das Gericht davon aus, „dass ein verständiger Mensch zur Vermeidung eigenen Schadens beim Radfahren einen Helm tragen wird, soweit er sich in den öffentlichen Straßenverkehr mit dem dargestellten besonderen Verletzungsrisiko begibt“.

Für dieses Urteil haben Sabine Lühr-Tanck und Mann Winfried kein Verständnis: „Ein Helm hätte die Frakturen sehr wahrscheinlich verhindert“, sagt der 62-jährige Physiker. „Aber das schwere Schädel-Hirn-Trauma inklusive der Blutungen hätte auch der Helm kaum verhindern können.“ Auch der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) hatte das Urteil als „nicht sachgerecht“ kritisiert. „Es ist das erste Mal, dass eines der 24 Oberlandesgerichte in Deutschland im Alltagsradverkehr ein solches Mitverschulden eines Radfahrers ohne Helm annimmt“, so ADFC-Rechtsexperte Roland Huhn.

Nach dem OLG-Urteil habe sie nicht mehr weiter streiten wollen, berichtet Sabine Lühr-Tanck. Von ihrem Mann ermutigt, legte die Fahrradfahrerin dann aber doch Revision beim BGH ein. Zusätzlich wurden beide Mitglied beim ADFC, und der Club berät die Fahrradfahrerin jetzt in diesem Verfahren. Auch die Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) interessiere sich für den Fall aus Gründen der Höhe von Regressansprüchen gegenüber Unfallverursachern in ähnlichen Fällen, berichtet das Ehepaar Lühr-Tanck. Die BGW übernehme daher die Kosten für das BGH-Verfahren.

Bei allem juristischen Nachspiel – der Unfall hat auch Folgen für das Leben der Frau. Bis heute kann die selbständige Physiotherapeutin nicht wieder voll arbeiten. Was aber mindestens genauso schwer wiegt: Sabine Lühr-Tanck kann weder riechen noch schmecken. „Viele meinen: ‚Ooch, wenn’s nur das ist‘.“ Die 61-Jährige lacht. „Aber die wissen eben nicht, was es heißt, wenn einem dieser Sinn komplett fehlt.“ Zum Beispiel morgens: „Den Duft von gebrühtem Kaffee und frischen Brötchen“, sagt die Frau, „das alles vermisse ich doch sehr.“ Und das hat Konsequenzen: Sabine Lühr-Tanck ist auf Tee umgestiegen. Sie will nicht jeden Morgen daran erinnert werden, dass sie den Kaffeeduft nicht mehr wahrnehmen kann.

Trotz der Einschränkungen: „Wenn ich mir den Ersteindruck unmittelbar nach dem Unfall in Erinnerung rufe und meine Frau jetzt betrachte, erkenne ich: Es geht ihr wieder blendend“, sagt Ehemann Winfried. „Ich merke nur, dass die Reflexe leicht nachgelassen haben“, ergänzt sie.

Mulmige Gefühle kommen bei ihr nicht auf, nicht beim Anblick ihres Hollandrades, nicht generell beim Fahrradfahren, auch nicht, wenn sie beinahe täglich wieder an der Unfallstelle vorbeifährt. „Da fehlt was“, beschreibt Sabine Lühr-Tanck die Erinnerungslücke, die der Zusammenprall geschlagen hat. „Ich weiß nur noch, dass ich an dem Auto vorbei musste – und keine Chance mehr hatte, zu reagieren.“

Unabhängig vom BGH-Urteil: Das Ehepaar unternimmt wieder gemeinsam Fahrrad-Reisen. Dafür aber steigt Sabine Lühr-Tanck – wie früher – auf ihr Tourenrad um. Und auf diesen Reisen fährt sie – wie immer – nur mit Helm.

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