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Flensburger Förde : Fahrensodde: Hangrutsch gefährdet Strandfrieden

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Alarm in Fahrensodde: Nach Erdbewegungen werden Messpunkte zur Kontrolle gesetzt. Die Regenwasser-Entwässerung wird umgeleitet.

Flensburg | Am Westufer gehört es zum Alltag, am Ostufer sind die Menschen aufgeschreckt. Kein Wunder, denn der Hang rutscht in bewohntem Gebiet – in Fahrensodde. Vermessungsarbeiten der Bauverwaltung haben hier Erdbewegungen dokumentiert, die Anlass zur Sorge geben. Die Stadt spricht intern von einem „nicht tolerablen“ Zustand, das Gelände stehe wegen der Regenwassereinleitungen aus den Wochenendhäusern am Rande des „rechnerischen Kollapses“. Bis auf Weiteres wurde jetzt angeordnet, alles Regenwasser in die Schmutzwasserleitungen einzuspeisen. Messstationen wurden eingerichtet, um weitere Bodenbewegungen rechtzeitig zu erkennen.

Friedrich Macom erstaunt das nicht. Er fühlt sich nur bestätigt. „Der Hang hat schon immer viel Wasser geführt. Die großen Dachflächen, die in den letzten Jahren hinzugekommen sind, entwässern direkt in den Hang, und viele Baumfällungen haben die Speicherkapazität des Erdreichs verringert.“ Der Hauseigentümer am Twedter Strandweg hatte von Beginn an gegen die Neubauten im Hang gewettert, teils auch gestritten – unter anderem mit dem Argument, dass durch die Eingriffe („da wurden für ein einziges Haus fast 100 Kubikmeter Erde aus dem Hang gekoffert“) schädliche hydrodynamische Prozesse in Gang gesetzt werden könnten. Immer wieder aber habe die Stadt ihm mitgeteilt: Der Hang ist sicher. Und jetzt das. Macom muss die Standsicherheit zweier am Fuße des Hangs stehender Gebäude nachweisen, weil oberhalb seines Grundstücks ein Neubau ins Rutschen gekommen ist.

Der Rentner bewohnt mit seiner Frau in dritter Generation das 150 Jahre alte Anwesen seiner Familie am Hangfuß. Die Ur-Macoms lebten dort einst in Alleinlage von Erwerbsfischerei und einer kleinen Landwirtschaft. Da sich das etwa zwei Hektar große Hanggrundstück aber kaum bewirtschaften ließ, verkauften sie in den 50er und 60er Jahren das Gelände in 24 Parzellen an Flensburger Familien, die das schöne Areal als Sommerfrische mit Zelt, Kind und Kegel nutzen wollten. Was die Macoms damals nicht ahnten: Ihr landwirtschaftlich unattraktiver Fördehang sollte sich zu einer heiß begehrten Vorzugsadresse mausern. Statt Wochenendvergnügen für den kleinen Geldbeutel ist hier schöner Wohnen für die dicke Brieftasche eingezogen. Den durchschnittlichen Quadratmeterpreis für eine der 300 bis 500 Quadratmeter großen Parzellen inklusive abbruchreifer Bretterbude taxiert Macom auf bis zu 500 Euro. Teurer geht’s kaum in Flensburg.

250.000 Euro für eine Bretterbude auf 500 Quadratmetern Grund, plus Abriss, plus teurer Neubau – das ist eine Menge Geld für ein Grundstück, dessen Gebrauchswert zumindest theoretisch großen Einschränkungen unterworfen ist. Eine dauerhafte Nutzung ist nämlich untersagt. „Der Begriff Wochenendhausgebiet umschreibt schon recht gut, was erlaubt ist und was nicht“, sagt Verwaltungssprecher Clemens Teschendorf. „Hier darf nicht der eigentliche Lebensbereich angesiedelt sein.“

Anfang der 90er Jahre wollte die Stadt in Fahrensodde jahrzehntelangen Wildwuchs und abenteuerliche Schwarzbauten im Landschaftsschutzgebiet in den Griff bekommen und überplante das Gelände mit dem B-Plan 35 „Strandfrieden“. Dieser Plan legte die maximale Größe der Häuser eingeschossig auf 75 Quadratmeter plus 15 Quadratmeter für eine überdachte Terrasse fest. Doch einer der Grundstücksbesitzer hatte eine Rechtslücke gefunden und erstritt beim Oberverwaltungsgericht eine deutlich luxuriösere Lösung, die mittlerweile als das Musterhaus für Fahrensodde gelten darf: Kellergeschoss mit 90 Quadratmetern plus Hauptgeschoss mit 75 Quadratmetern zuzüglich 15 Quadratmeter überdachte Veranda – macht theoretisch komfortable 180 Quadratmeter in einem Domizil mit Fördeblick. Dass die bewohnbare Fläche 75 Quadratmeter nicht überschreiten darf – geschenkt, sagt Macom. „Sie glauben doch nicht etwa, dass in den Kellern nur Gartengeräte abgestellt sind! An die Auflagen hält sich hier niemand. Die meisten Wochenendhäuser sind dauerhaft bewohnt. Bloß: Das schert in der Verwaltung niemanden.“

Das soll jetzt anders werden. Teschendorf kündigt an, dass man jetzt einen etwas stärkeren Fokus auf Art und Umfang der Nutzung des Ferienhausgebietes richten werde. „Wir werden die Hinweise überprüfen.“ Sanktionieren könnte die Stadt mit Ordnungsgeldern bis hin zum Entzug der Baugenehmigung und Nutzungsuntersagung – doch der Nachweis wird schwierig, weil die heranzuziehende Baunutzungsverordnung in diesem Punkt butterweich formuliert ist.

Da droht schon eher Hauskrach für den Fall weiterer Hangbewegungen. Denn die Bauverwaltung hat die Baugenehmigungen nicht etwa auf Basis eigener Berechnungen erteilt – der Nachweis der Standsicherheit liegt stets in der Verantwortung des Bauherren, bestätigt Clemens Teschendorf. „Da muss man sich dann zivilrechtlich auseinandersetzen.“ Sprich: Sollte sich der Hang am Ostufer weiter bewegen, dürfte der Strandfrieden im Wochenendhausgebiet akut gefährdet sein.

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erstellt am 14.Nov.2015 | 08:00 Uhr

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