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Flensburger Tageblatt

23. Oktober 2017 | 13:58 Uhr

Fachkräfte dringend gesucht

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IHK-Studie rechnet bis zum Jahr 2030 mit rund 10 000 fehlenden ausgebildeten Spezialisten alleine im Kreis Schleswig-Flensburg

shz.de von
erstellt am 07.Aug.2013 | 03:59 Uhr

Schleswig-Flensburg | Das Schreckgespenst Demographischer Wandel und sein kleiner Bruder, der Fachkräftemangel, spuken schon seit Jahren durch den ländlichen Raum. Auch im Kreis Schleswig-Flensburg fürchtet man die beiden. Nun aber setzt die Industrie- und Handelskammer (IHK) sogar noch einen drauf: Denn laut einer neuen IHK-Studie mit dem Titel "Fachkräfte- und Ausbildungsprojektionen 2030" wird alles noch viel schlimmer kommen, als bislang gedacht. Demnach fehlen in gut 15 Jahren in den Städten Flensburg, Kiel und Neumünster sowie den Kreisen Schleswig-Flensburg, Nordfriesland, Rendsburg-Eckernförde, Dithmarschen, Pinneberg, Plön und Steinburg insgesamt mehr als 47 000 Menschen mit abgeschlossener Berufsausbildung und 6000 Absolventen mit Hochschulabschluss. Allein in Schleswig-Flensburg wird die Fachkräftelücke bei etwa 10 000 liegen, in Rendsburg-Eckernförde sogar bei 16 000, in Nordfriesland immer noch bei 4000.

Auch ohne diese Zahlen zu kennen, kann Jörn Groth bereits jetzt ein Lied vom Fachkräftemangel singen. Der Geschäftsführer des Kropper Hotels "Wikingerhof" sucht seit Wochen per Annoncen händeringend eine Hotel- und Restaurantfachfrau. "Aber es kommt einfach nichts rein, rein gar nichts", sagt Groth. Natürlich wisse er auch, dass der Standort des Hotels, abseits der großen Städte, bei der Werbung von Mitarbeitern nicht gerade von Vorteil sei, "aber dass es in den vergangenen Jahren schon so schlimm werden würde, Fachkräfte oder auch Auszubildende zu finden, hätte ich nie gedacht". Zwar habe er in diesem Jahr gleich vier Azubis im Hause, im Jahr davor aber konnte er zwei Ausbildungsplätze wegen fehlender Bewerbungen gar nicht besetzen.

Tatsächlich ist die Situation besonders im Bereich Gastronomie und Beherbergungsgewerbe besonders prekär, wie Stefan Wesemann, Leiter der Geschäftsstelle Schleswig der IHK Flensburg, bestätigt. "Aber auch im Handel, im Versicherungs-, Transport- und Lagereiwesen wird eine überdurchschnittliche Ausbildungs- und Fachkräftelücke erwartet." Dies sei besonders dramatisch, "wenn man bedenkt, dass wir im Kreis bis 2030 rund 25 Prozent weniger Einwohner unter 20 Jahren haben". Umso weniger könne man es sich in Zukunft erlauben, dass junge Menschen auf der Strecke bleiben.

So sieht Wesemann in der Optimierung der Qualifikation von Schulabgängern eines der wichtigsten Instrumente, um dem Fachkräftemangel entgegen zu wirken. "Wir werden nie 100 Prozent in den Arbeitsmarkt bekommen, aber wir können und müssen die Quote verbessern." Ein Ansatz dafür könne sein, Themen wie Team- und Begeisterungsfähigkeit sowohl in der Schule als auch in der Familie noch mehr in den Fokus zu rücken. "Heute stehen noch viel zu sehr Stoffe und Inhalte im Vordergrund", meint er.

Neben dem Anwerben von Fachkräften aus dem Ausland, insbesondere aus den Krisenländern Griechenland, Spanien oder Portugal, könnte laut Wesemann ein weiterer Lösungsansatz sein, noch stärker und gezielter auf ältere Arbeitnehmer zu setzen. "Den größten Effekt aber würde man erzielen, wenn wir noch mehr Mütter in den Arbeitsmarkt bekämen. An dieser Schraube müssen wir drehen, das wäre das schärfste Instrument", sagt Wesemann. Während es in Dänemark oder Belgien "ganz normal" sei, dass Mütter schon wenige Monate nach einer Geburt wieder in ihren Beruf einsteigen, müsse man in Deutschland die gesellschaftliche Sicht auf dieses Thema noch deutlich verbessern. Stichwort: Rabenmütter. Gleiches gelte für die Möglichkeit, dass Frauen per Homeoffice, also von zu Hause aus, Arbeiten erledigen können.

Jörn Groth und der Kropper "Wikingerhof" sind in diesem Punkt bereits auf einem guten Weg. So hat man dort einer jungen Auszubildenden, ebenfalls Mutter, ermöglicht, ihren Dienstplan an den des Ehemannes, ein Soldat, anzupassen. Ebenso schätzt Groth die Möglichkeit der "Ausbildung in Teilzeit" - und bietet dieses auch an. "Da sind auch wir als Arbeitgeber gefordert, kreativ zu sein. Flexibilität und Verlässlichkeit sind unheimlich wichtig, um die Leute bei der Stange zu halten. Dienstpläne, an die sich keiner hält oder geteilte Dienste, bei denen man morgens und abends arbeiten muss, sind hingegen nicht gerade hilfreich, um gegen Fachkräftmangel anzugehen", sagt Groth.

Für die betroffenen Branchen im Kreis gibt es übrigens noch einen Hoffnungsschimmer: Denn in der Stadt Flensburg wird laut der IHK-Studie bis 2030 ein deutlicher Fachkräfteüberhang von etwa 7000 Menschen erwartet. "Dies dürfte nicht zuletzt auf die Anziehungskraft der Hochschulen auf junge Menschen zurückzuführen sein", sagt der Flensburger IHK-Hauptgeschäftsführer Peter Michael Stein. Dies wiederum könnte am Ende für den Kreis von Vorteil sein. Denn dann wird sich der Pendlerstrom, der heute in Richtung Stadt verläuft, wahrscheinlich umkehren.

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