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Erinnerungen an eingestellte Fährlinie : Faaborg-Gelting-Fähre: 35 Jahre ein Tor nach Skandinavien

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Große, weite Welt in Angelns ländlicher Idylle: Zwischen 1965 und 2000 war Gelting Mole ein geschäftiger Fährhafen.

shz.de von
erstellt am 17.Sep.2015 | 20:45 Uhr

Es ist immer noch ein wenig Wehmut in der Stimme, wenn Iris Anders von ihrer Hausterrasse in Niesgrau in Richtung Ostsee zeigt, wo in drei Kilometer Entfernung noch die Reste des ehemaligen Schiffsanleger Gelting Mole zu erkennen sind. Für die heute 66-Jährige Iris Anders war der Fährhafen Gelting-Mole für drei Jahre von 1996 bis zu seinem Ende am 31. Juli 1999 ihr Arbeitsplatz. Ein Arbeitsplatz, von dem sie heute noch schwärmt. Er war ein Stück große weite Welt inmitten der beschaulichen Angelner Landschaft der Geltinger Bucht.

Angelns Chronist Bernhard Asmussen aus Steinberg hat sich mit der Geschichte der Butterfahrten beschäftigt und in einem Jahrbuch des Angelner Heimatvereins veröffentlicht. Butterfahrten, davon schwärmen die Älteren heute noch und können darüber viele Geschichten erzählen. Iris Anders erinnert sich an eine Dame, die jeden Sonntag ihren Stammplatz im Restaurant „Bellevue“ ansteuerte, Kaffee und Kuchen bestellte. Auf Höhe Kalkgrund nahm sie den mitgebrachten Blumenstrauß und warf ihn über Bord. Auf diesen Vorgang angesprochen, berichtet sie, dass ihr Mann hier auf See bestattet sei. Ihr Gang zum Friedhof war die Fahrt mit der Fähre.

Seit Mitte der 1950er Jahre waren Butterfahrten in der Flensburger Förde ein Begriff. Tausende Einheimische und auch die ersten Touristen in der Region nahmen die Gelegenheit wahr, mit dem Förde-Dampfer nach Kollund auf dänischer Seite zu fahren und sich dort mit billiger dänischer Butter und später mit steuerfreien Zigaretten und alkoholischen Getränken einzudecken.

Großdimensioniert: Im ländlichen Hafen beeindruckte die Fähre als großer Pott.
Großdimensioniert: Im ländlichen Hafen beeindruckte die Fähre als großer Pott. Foto: Hamisch

1965 geschah am Ende der Geltinger Buch, auf dem Gebiet der Gemeinde Niesgrau, Beachtliches. Bagger rückten an, gruben eine tiefe Fahrrinne und bauten im Auftrag der Reederei „Nordisk-Faergefart“ einen Schiffsanleger in die Landschaft. Nach Fertigstellung liefen von hier die Schiffe nach Sonderburg, aber vor allem nach der dänischen Stadt Faaborg auf Fynen. Zwei Schiffe pro Tag, in der Saison sogar drei Schiffe liefen Gelting an. Für viele Angeliter war es immer wieder ein beachtliches Bild, wenn die Gelting Syd mit aufgeklapptem Bug an den Anleger ansetzte. Wenig später rollten Lastwagen und viele Personenwagen von Bord. An der Seite quoll ein Schwarm Menschen aus dem Schiff, die sich mit schnellen Schritten am Zoll vorbei zum Abfertigungsgebäude begaben. 1974 baute die Reederei wenige Meter vom Anleger entfernt ein Abfertigungsgebäude, in dem der Zoll, aber auch eine Bankfiliale als Wechselstube untergebracht war.

Die dänischen Passagiere interessierten sich aber vor allem für den Supermarkt im Gebäude. Hier lagen die Preise erheblich unter den in Dänemark verlangten Preisen für Lebensmittel und auch alkoholische Getränke. Eine lohnende Investition für die Reederei, denn 1975 beförderten die Fährschiffe auf ihrer zwei Stunden dauernden Fahrt zwischen Faaborg und Gelting 324.000 Passagiere und 16.000 Pkw. Insgesamt sind in den 35 Jahren etwa 16 Millionen Passagiere und eine Million Fahrzeuge zwischen Deutschland und Dänemark befördert worden. Für die wirtschaftlich schwache Region eine wichtige Einnahmequelle. Thomas Johannsen, Bürgermeister der Gemeinde Niesgrau, erinnert sich an die Gewerbesteuereinnahmen im fünfstelligen Bereich, die von der Nordisk-Faergefart jährlich an die Gemeinde überwiesen wurden. Nicht nur die Gemeinde profitierte, sondern durch die Umlagen auch Amt, Kreis und das Land. Für die Geschäfte in der Nähe, aber auch die gastronomischen Betriebe war der Fährbetrieb ein wichtiges wirtschaftliches Standbein.

Auch die Bautätigkeit war für die Region wichtig. Als am 30. Juli 1965 der Fährbetrieb aufgenommen wurde, war nur der Anleger fertig, selbst die 400 Meter lange Zufahrtstraße von der Nordstraße wurde erst 1966 durch Landrat Lausen abgenommen. Da die gesamte Anlage zu Beginn mehr einem Provisorium glich, kam es im November 1965 zu einem schweren Unfall. Ein Pkw-Fahrer hatte in der Nacht das Ende der Anlegestelle verpasst und stürzte ins Hafenbecken. Nur mit letzter Kraft konnte sich der Fahrer aus dem Wagen befreien.

Viele Schiffe hat Gelting Mole gesehen. Am längsten ist die „Gelting Syd“ die Strecke gefahren. 17 Jahre hat das Fährschiff sicher die Menschen und Frachten befördert. 950 Passagiere und 155 Autos konnte das Schiff auf einer Tour befördern. Diesem Schiff war es auch vorbehalten, am 30. Juni 1999 über die Toppen geflaggt, bei trübem Wetter das letzte mal von Gelting Mole in Richtung Faaborg abzulegen.

Mit dabei Iris Anders und alle anderen Mitarbeiter der Reederei aus Gelting und Faaborg. Trotz großem dänischen Büffet und freien Getränken war die Stimmung sehr verhalten, erinnert sich Iris Anders. Die große Politik hatte den auf deutscher wie auf dänischer Seite so beliebten Touren das Ende bereitet. Zum 1. Juli 1999 wurde die Abgabenfreiheit (Duty-free) bei Reisen innerhalb der Europäischen Union abgeschafft. Die Preise hätten um ein vielfaches erhöht werden müssen. Die Reederei war damit ihrer wirtschaftlichen Grundlage beraubt und wurde liquidiert.

 

Iris Anders denkt gerne an die Zeit zurück, als sie in Gelting-Mole arbeiten durfte.
Iris Anders denkt gerne an die Zeit zurück, als sie in Gelting-Mole arbeiten durfte. Foto: Hamisch

Versuche, den Fährverkehr wieder zu beleben scheiterten. Für Niesgraus Bürgermeister Johannsen ein Unding. „Man kann die dänische Küste fast greifen, aber eine direkte Schiffsverbindung bekommt die Politik nicht hin.“

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