150 Flensburger Tageblatt : Extrablätter zum Kriegsbeginn 1914

Der Jubel, der den Beginn des Ersten Weltkrieges bestimmte, ist verflogen: Verwundete Flensburger Soldaten werden von Helferinnen des Roten Kreuzes versorgt.
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Der Jubel, der den Beginn des Ersten Weltkrieges bestimmte, ist verflogen: Verwundete Flensburger Soldaten werden von Helferinnen des Roten Kreuzes versorgt.

Sechs Flensburger Zeitungen informierten ihre Leser hochaktuell über das Geschehen zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges.

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19. Mai 2015, 15:30 Uhr

Flensburg | Am 15. Juni 1865 erschien die erste Ausgabe der Flensburger Nachrichten. Als Nachfolgezeitung begeht das Tageblatt den runden Geburtstag mit einer 150-teiligen historischen Serie – immer Dienstag, Donnerstag und Sonnabend im Tageblatt. Heute: das Jahr 1914.

Seit der Gründung der „Flensburger Norddeutschen Zeitung“ im Jahre 1864 und dem erstmaligen Erscheinen der „Flensburger Nachrichten“ im darauf folgenden Jahr hat sich in der Fördestadt eine erstaunlich bunte Presselandschaft entwickelt. Zu diesen beiden auflagenstärksten Blättern, die für das deutschsprachige Bürgertum schrieben, kam 1869 „Flensborg Avis“ dazu, Zeitung der dänischen Minderheit. Wiederum drei Jahre später kam das „Flensburger Annoncenblatt“ hinzu, das sich mit reizvollen regionalen Berichten profilierte. Eine wesentliche Erweiterung erfuhr das Spektrum im Jahre 1911, als die „Flensburger Volks-Zeitung“ gegründet wurde. Das ausdrücklich sozialdemokratische Blatt war ein Ableger der Kieler „Volks-Zeitung“, aber die konsequent antibürgerliche Haltung, die scharfe Sprache und der oft sehr kritisch gehaltene Lokalteil verfehlten ihre Wirkung nicht. 1912 kam zu guter Letzt die „Flensburger Frauen-Zeitung“ als Wochenblatt hinzu.

An der Berichterstattung über das Attentat von Sarajewo und noch mehr an der sich zuspitzenden „Julikrise“ kann man erkennen, wie sich Vielfalt und Konkurrenz in Flensburg ausgewirkt haben. Die Schüsse auf Erzherzog Franz Ferdinand und seine Frau Sophie fielen am 28. Juni 1914 um kurz vor 11 Uhr. Wenige Minuten später waren beide tot. Durch Telefon und Telegrafie verbreitete sich die Nachricht in Windeseile, und auch in Flensburg wurde die Meldung noch im Laufe des Nachmittags von den beiden großen Zeitungen durch Aushänge und Extrablätter bekanntgegeben.

Sowohl die „Flensburger Nachrichten“ als auch die „Flensburger Norddeutsche Zeitung“ verfügten über einen eigenen Depeschendienst und hängten aktuell einlaufende Telegramme in einem „Depeschenkasten“ an den jeweiligen Standorten in der Nikolaistraße und der Großen Straße aus.

Am 29. Juni berichteten alle Tageszeitungen ausführlich über das Ereignis. In den bürgerlichen Blättern herrschte das Mitleid mit dem greisen österreichischen Kaiser vor, die „Flensburger Volks-Zeitung“ warnte jedoch schon an diesem Tag vor dem „Ausbruch eines schweren internationalen Konflikts“ und befürchtete, dass schon bald „Europa in seinem Blute schwimmen“ könnte. Sämtliche Blätter konnten mit erstaunlich präzisen Informationen über die Tat und ihre Hintergründe aufwarten. Nur die „Flensburger Frauen-Zeitung“ ging in ihrer nächsten Ausgabe gar nicht auf das Attentat ein.

Nach der einen Monat später erfolgten Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien sollte noch deutlicher werden, wie weit die Zeitungen in ihren Standpunkten auseinander lagen. Während die bürgerlichen Blätter das rigorose Vorgehen gegen den Balkanstaat guthießen, sah die „Volks-Zeitung“ den „Weltkrieg heraufziehen“, unterstützte die große Friedensdemonstration am Gewerkschaftshaus und löste mit dem Vorwurf, die „Flensburger Norddeutsche“ würde versuchen, Kriegsbegeisterung zu schüren, eine regelrechte Pressefehde aus, denn sowohl das „Annoncenblatt“ als auch „Avis“ schlossen sich der Kritik an.

Noch am gleichen Tag schlug die „Norddeutsche“ in ihrer Abendausgabe zurück, indem sie „Avis“ in sehr polemischer Weise angriff und das „Annoncenblatt“ regelrecht bloßstellte: „Sobald neue Depeschen in unseren Aushang kommen, erscheint ein Lehrling oder mitunter auch der Chefredakteur selbst und am Abend liest man die abgeschriebenen Meldungen im Annoncenblatt.“ Lediglich die „Flensburger Nachrichten“ haben sich nicht an dieser Schlammschlacht beteiligt.

Wie sehr die Flensburger Bevölkerung in diesen Tagen mitgefiebert hat, zeigt ein Bericht der „Norddeutschen“ vom 27. Juli 1914: „Von Sonntag früh 9 Uhr ab gaben wir Extrablätter heraus, die über die letzten Meldungen berichteten. Innerhalb einer halben Stunde staute sich die Menschenmenge auf dem Hofe vor unserer Druckerei derart, daß wir die Türen zu unseren Geschäftsräumen schließen mußten, da das Publikum bis in unsere Druckereiräume drang. Durch den Menschenandrang war es uns unmöglich gemacht, Extrablätter in den Straßen verteilen zu lassen, die Boten wurden vom Publikum nicht durchgelassen. Mehrere Stunden verteilten wir die Extrablätter, indem wir sie aus den Fenstern unserer Geschäftsräume dem Publikum reichten. Das Gedränge war aber derart, daß es lebensgefährlich erschien, dieses Verfahren fortzusetzen. Um die Menge zu zerstreuen, gaben wir bekannt, daß es uns bei dieser Sachlage unmöglich sei, weiter Extrablätter herauszugeben. Wir erreichten damit das Gegenteil unserer Absicht, und als wir die Fenster schlossen, wurden diese von einigen jungen Leuten aus den Angeln gehoben. Auf unserem Druckereihofe waren zeitweise etwa 2000 Menschen vorhanden, auch vor dem Geschäftslokal der „Flensburger Nachrichten“ versammelte sich ständig eine große Menge.“

Am 1. August 1914 trat die sich bis dahin unpolitisch gebende „Flensburger Frauen-Zeitung“ mit einem pazifistisch gehaltenen Essay hervor: „Wer will denn überhaupt den Krieg?“, hieß es darin. „Am allerwenigsten zunächst die Frau, die Mutter.“ Noch am selben Tag wurde die Mobilmachung verkündet.

Im Zeichen des „Burgfriedens“ und der bald darauf einsetzenden Militärzensur nivellierte sich die bis dahin so vielfältige Flensburger Presselandschaft. Die „Volks-Zeitung“ schwenkte auf Kriegskurs ein und die bürgerlichen Blätter klangen sozialdemokratisch, wenn sie sich der Sorgen und Nöte der Arbeiterschaft annahmen. „Flensburg Avis“ wurde zeitweilig verboten und musste sich jeder politischen Kritik enthalten. So ist das Jahr 1914 auch für das Flensburger Zeitungswesen ein tiefer Einschnitt gewesen.

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