Landgericht Flensburg : Exe-Häuser: Verfolgt von dunklen Dämonen

Trümmerlandschaft auf dem Dachboden: Die größte Hitze entfachte der Brand über dem Kinderzimmer, wo das Feuer am Schornstein die Decke  durchbrach.
Trümmerlandschaft auf dem Dachboden: Die größte Hitze entfachte der Brand über dem Kinderzimmer, wo das Feuer am Schornstein die Decke durchbrach.

Mordversuch in den Exe-Häusern: Der Sachverständige spricht dem Angeklagten verminderte Schuldfähigkeit zu.

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14. Juni 2014, 10:15 Uhr

Flensburg | Unter dem Strich steht eine Zahl, die das Leid nicht aufwiegt: Es sind 1.265.423 Euro und 79 Cent, die der Gebäudeversicherer Provinzial dem Selbsthilfe Bauverein für die Verluste aus dem Brand der beiden Exe Häuser gutschreibt. Inklusive Hotelunterbringung und Mietausfall. Exklusive Panik, exklusive Obdachlosigkeit und das trostlose Gefühl, das bleibt, wenn einem die Berufsfeuerwehr gerade das bisherige Leben mit 200.000 Litern Löschwasser aus der verräucherten Wohnung spülen musste. Der Mann, der dafür verantwortlich gemacht wird, wurde gestern vor der 1. Großen Strafkammer unter der Lupe des Gutachers betrachtet. Der psychiatrische Sachverständige Dr. Klaus Friemert war am Zug und gab der Kammer, die in einem Fall von versuchtem Mord entscheiden muss, einiges zu denken.

Zunächst: Ahmad H. war nach Überzeugung des Gutachters in der Lage, die Folgen seines Handelns einzuschätzen. Dass arg- und wehrlosen Menschen der Feuertod droht, wenn er ihnen das Dach über dem Kopf anzündet, dies zu erkennen lag an jenem 19. November innerhalb seiner Möglichkeiten. Auch, dass Schläge mit Beil und Pistolenknauf auf die Köpfe wehrloser Menschen in jeder Hinsicht unakzeptabel und potenziell tödlich sind, habe er am 16. September wissen müssen. „Er kannte die Fakten“, sagte Friemert. „Aber musste sie nicht anerkennen.“

Das liegt an einer krankhaften seelischen Störung. Ahmad H. lebte in verschiedenen Welten, in denen die Bezüge zur Realität und zu den Personen darin immer wieder ihre Konturen verlieren. Eine Ursache des Dramas liegt für den Sachverständigen zum Teil daran, dass H. 24 Jahre nach seiner Flucht aus Beirut noch immer nicht in Deutschland angekommen ist. „Er hat sich nicht ins deutsche Werte- und Rechtssystem integriert. Für ihn ist immer noch die Scharia die einzig gültige Rechtsauffassung.“

In Tausenden anderer ähnlicher Konstellationen bleibt dabei alles friedlich. Bei Ahmad H. jedoch kam eine narzistische Persönlichkeitsstörung hinzu, durch Kränkung hervorgerufene Emotionen wie Hass und Wut, die schließlich das Pulverfass öffneten. Die Selbstständigkeit seiner Partnerin, die Erfahrung von Kritik, von Widerstand, weiblicher Selbstbestimmung – das sei für den Angeklagten schwer zu verarbeiten gewesen. Er reagierte mit Flucht in ein System von Phantasiewelten mit fließenden Übergängen. Phantasiewelten mit Dämonen. Eine schwarze Gestalt, die ihn verfolgte. Die ihn mit einer Injektionsspritze verletzte und in den Roboter verwandelte, der all das geschehen ließ, was jetzt vor der 1. Kammer verhandelt wurde. „Er lebte tatsächlich in diesen Vorstellungen“, so Friemert, der überzeugt ist, dass die narzistische Störung zu beiden Taten führte. Der Angeklagte habe sich im Recht gefühlt. Die Bestätigung kam zuverlässig aus der Fantasiewelt.

Friemert bejahte zumindest die verminderte Schuldunfähigkeit des Angeklagten. Ob ihn das eine Verurteilung wegen Mordversuchs erspart ist Sache des Gerichts.

Die 1. Kammer muss entscheiden, wie weit weg der Angeklagte an den beiden Tat-Tagen von der Realität war. Oder wie dicht dran. Der Prozess wird am 24. Juni (9.15 Uhr) fortgesetzt.

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