Grossfeuer in Flensburg : Exe-Häuser: Die Akte der Besessenheit

Unbewohnbar: Der Dachstuhl der Gebäude Zur Exe 2 und 4 brannte komplett aus.
Unbewohnbar: Der Dachstuhl der Gebäude Zur Exe 2 und 4 brannte komplett aus.

Prozess um die Häuser an der Flensburger Exe: Die Stalking-SMS des Angeklagten füllen 271 Seiten. Ein Brandsachverständiger spricht im Prozess von geringer Gefährdung.

shz.de von
05. Juni 2014, 00:00 Uhr

Flensburg | Das Urteil nähert sich, eine überfällige Erklärung auch. Je tiefer vor der 1. Großen Strafkammer die Hauptverhandlung um den Brand der Exe-Häuser dringt, desto drängender die Frage, was Ahmad H. getrieben haben mag. Zuerst in die partnerschaftliche Gewalt, dann in ein zermürbendes Stalking und schließlich zur Brandstiftung, die von der Staatsanwaltschaft als versuchter Mord angeklagt worden ist. Eigentlich sollte gestern der Tag des psychiatrischen Sachverständigen Dr. Klaus Friemert sein. Weil aber die Verhandlung mit mehr als einstündiger Verspätung startete und sich Gericht und Verteidigung in ein prozesstaktisches Scharmützel verstrickten, muss die Erklärung warten. Friemert wird sein Gutachten erst am 13. Juni erstatten. Um 13 Uhr.

Die neue Akte auf ihren Schreibtischen mussten die Anwälte erst einmal verdauen. Ein dicker Stapel von Kopien der Kurznachrichten, die der Angeklagte seinem Stalking-Opfer geschickt hat. Und zwar innerhalb der drei Monate bis zum Brand am 19. November. 271 Seiten stark, eng bedruckt, mit sehr kleinen Buchstaben. Diese Akte einer Besessenheit haben die Ermittler aus dem Mobiltelefon des Opfers ausgelesen. Keiner kennt die Zahl der Kurznachrichten, die zwischen schlimmsten Todesdrohungen und sehnlichstem Flehen schwanken. In Sekundenabständen. Gestern war auch das Gegenstück fertig, das die Ermittler vom Handy des Angeklagten ausgelesen haben. 220 Seiten schwer. Normalerweise müsste jede einzelne SMS verlesen werden – was Wochen dauern könnte. Die Prozessbeteiligten verständigten sich auf das Selbstleseverfahren, das die Strafprozessordnung für solche Fälle vorsieht und jeden zur Einzellektüre zwingt.

Der junge Mensch im Zeugenstuhl hat – auch ohne diese Akte je gelesen zu haben – eine klare Vorstellung von dem, was dort steht. Er ist das jüngste Kind des Opfers, und als die Dinge zu Haus schlimmer als schlimm wurden, nach der Trennung, als der Lebenspartner seiner Mutter den Terror begann, formte sich in dem damals 14-Jährigen ein Begriff. „Der war total gespalten. Der war schizophren.“

Der Junge und sein fünf Jahre älterer Bruder waren sehr dicht dran, und was sie dem Gericht als Zeugen berichten, sollten Kinder nie gesehen haben. Die Hämatome in Gesicht der Mütter, Würgemale, Nasenbluten, Tränen. Nicht einmal. Nicht gelegentlich. Oft. Ein paar Mal, sagt der Ältere, „habe ich ihn rausgeschickt. Wenn die Streits zu laut wurden oder zu lange dauerten, wenn was kaputt ging.“

Ein Verhältnis zum Freund der Mutter bauten die beiden Jungen nie auf. „Er hat meistens auf nett getan. War aber sehr sprunghaft“, meint der Jüngere. Keiner erinnert sich daran, dass umgekehrt H., der manchmal über Wochen blieb, sich seinerseits darum bemüht habe. Die Jungen hockten dann meist in ihren Zimmern, berichteten sie. Und der Oma, die gestern auch aussagte, erzählten sie, dass sie sich manchmal gar nicht mehr aus den Zimmern trauten. Wegen des ewigen Streits.

Als das zu Ende war und nach der Trennung die Stalking-Phase begann, wurden die Dinge nicht besser. Da ging es mit psychischem Druck weiter. Gegensprechanlage und Telefon wurden Kommunikationswege des Terrors. „Das Telefon ging immer – morgens, abends, nachts. Sturmklingeln, wenn keiner ran ging, und Drohungen, wenn einer ran ging“, berichtet der 15-Jährige. „Auch wenn ich nicht dran war, man konnte auch so hören, was er sagte. Weil er so brüllte: ’Ich mach’ Dich fertig, ich bring’ Dich um, ich bring’ Deine Kinder um!’“ Er sei ständig präsent gewesen. „Man wusste immer, dass er irgendwo da draußen ist. Man hat schließlich Angst hinauszugehen.“

Ziemlich belastend für den Angeklagten, der gestern allerdings auch Entlastung erfuhr. Der Brandsachverständige des Landeskriminalamts, Dr. Attila Kuczmann, hält die Situation unter dem brennenden Dach zwar für gefährlich, für Leib und Leben der Bewohner aber nur eingeschränkt. Die Feuerwehr habe sehr schnell mit der Brandbekämpfung begonnen. Die heißen Gase hätten sich nach oben ausgebreitet, seien aber im dritten Obergeschoss, wo die Ex-Partnerin wohnte, gar nicht angekommen. „Sobald die Dachhaut kaputt war, verlangsamte sich die Wirksamkeit des Feuers nach unten“, so Kuczmann. Die ölige Flüssigkeit, die vor der Eingangstür der Frau gefunden wurde, sei kein Brandbeschleuniger gewesen, sondern relativ schwer entzündbares Mineralöl. Für den Impuls, jemanden zu schädigen, spricht allerdings die Stelle, an der das Feuer sich in die darunter liegende Wohnungsebene fressen konnte. Den Branddurchbruch verortete Kuczmann in unmittelbarer Nähe der Opfer-Wohnung. Hier sei Benzin eingesetzt worden, und hier sei auch das Feuer entstanden.

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