zur Navigation springen
Flensburger Tageblatt

14. Dezember 2017 | 02:01 Uhr

Theater : Ex-Stadtpräsident spielt in der Tonne

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Russisch-Deutsche Bühne präsentiert erfolgreich das absurde Theaterstück „Endspiel“ von Samuel Beckett

shz.de von
erstellt am 28.Okt.2014 | 15:00 Uhr

Das absurde Theater ist ein geistiges Gericht für Feinschmecker. Besonders im Zeitalter immer schnellerer Lösungen darf man die Entscheidung des Leiters der Russisch-Deutschen Bühne, Waldemar Stefan, das „Endspiel“ von Samuel Beckett zu inszenieren, als eine mutige Tat betrachten.

Die Premiere in der Flensburger Theaterschule beruhigte alle Besorgten: Ein fast ausverkaufter Saal war ganz Ohr und Auge. „Das ist eine Überraschung. Aus meiner eigenen Erfahrung weiß ich, dass nicht alle Zuschauer verstehen, worum es sich handelt und noch vor dem Ende gehen“, sagte Stefan unserer Zeitung. So war die neunmonatige Arbeit an einem sehr komplizierten Material nicht umsonst. „Das ist wie die Geburt eines Kindes“, erklärte der Regisseur und lachte.

„Endspiel“ ist ein Drama in einem Akt, geschrieben 1957 von dem irischen Schriftsteller und Literatur-Nobelpreisträger Samuel Barclay Beckett. Die Handlung spielt in einem düsteren Raum mit zwei kleinen Fenstern weit oben. Genau im Zentrum sitzt und reflektiert über sein bedeutungsloses Leben der alte und gelähmte Hamm (gespielt von Albert Singorenko), den der treue, aber totmüde Clov (Serge Fribus) bedient. Dieser kann nur mühsam gehen und auf keinen Fall sitzen.

In der Ecke stehen zwei Mülltonnen, in denen Hamms beinlose und senile Eltern, Nell (Stefans Tochter Alice) und Nagg (Christian Dewanger), dahinvegetieren. Ja, das ist eben jener Christian Dewanger, der bis 2013 fünf Jahre lang Stadtpräsident in Flensburg war. Die Vorgeschichte seines Auftritts aus der laut Drehbuch stinkenden Mülltonne ist spannend. Zwei Monate vor der Premiere fiel ein Schauspieler aus. „Ich hatte keine Alternative zur Hand, aber ich habe mich an ein früheres Gespräch mit Dr. Dewanger erinnert. Während einer Preisverleihung hatte er mir gesagt: ‚Irgendwann möchte ich auch auf der Bühne spielen.‘ Ich dachte, das sei nur ein Ausdruck von Höflichkeit oder ein Scherz. Doch habe ich mich entschieden, ihn anzurufen“, erzählte Stefan.

Dewanger stand sofort zur Verfügung. „Er hat nicht nur seine Rolle brillant gelernt, sondern auch geholfen, als Muttersprachler an die Nuancen der deutschen Übersetzung des Stücks zu arbeiten“, so der RDB-Leiter.

Für Christian Dewanger indes war das Stück keine Premiere: „Ich habe in der Schule Theater gespielt und bis zum Jugendalter in einer eigenen Theatergruppe, da haben wir ein Stück selber geschrieben“. Und der Kommunalpolitiker erinnert sich: „Lustigerweise war mein allererstes Stück in einer Mülltonne.“

Derzeit bereitet die Russisch-Deutsche Bühne eine neue Premiere vor, die Komödie „Der Revisor“ vom ukrainisch-russischen Klassiker Nikolaj Gogol. Das Stück wird Ende April 2015 gespielt. Ob Christian Dewanger weiter mitmacht? „Das wird sich zeigen“.

zur Startseite
Karte

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen