Harniskai Flensburg : Europawiese wird zum Investitionsgrab

Gähnende Leere am Harniskai: Sowohl die Flächen direkt am Kai (Foto) als auch die Europawiese östlich davon suchen Ware. Foto: Dewanger
Gähnende Leere am Harniskai: Sowohl die Flächen direkt am Kai (Foto) als auch die Europawiese östlich davon suchen Ware. Foto: Dewanger

Wie geht es mit der Europawiese in Flensburg weiter? Nach mehr als drei Monaten wartet die jungfräuliche Lagerfläche immer noch auf ihren ersten Einsatz.

shz.de von
15. Oktober 2012, 07:19 Uhr

Flensburg | Seit mehr als drei Monaten ist sie nun geteert und eingezäunt, die "Europawiese" am Harniskai. 800.000 Euro öffentliche Mittel sind geflossen in den nach wie vor jungfräulichen Umschlagplatz, rund ein Viertel davon von der klammen Stadt Flensburg. Mit dieser zusätzlichen 4100 Quadratmeter großen Fläche, so die Hoffnung der Hafenbetreiber, sollten der Umschlag und damit der gesamte Wirtschaftshafen Flensburg neuen Schwung bekommen: Denn nur neuer Umschlagplatz bringe mehr Umschlag - eine Hoffnung, die sich bislang nicht erfüllte. Der Teer der nach dem hier einst ankernden Kreuzfahrer "MS Europa" benannten Areal ist noch unbenutzt, selbst auf den eigentlichen Umschlag flächen auf der anderen Straßenseite direkt am ebenfalls eingezäunten Harniskai gibt es derzeit kaum etwas zu lagern. Gähnende Leere, wohin das Auge blickt.
Deshalb treten die Schiffsmakler am Harniskai derzeit an Unternehmen und Anlieger am Ostufer heran, die eventuell die brachliegenden Lagerkapazitäten nutzen könnten - bislang offenbar ohne zählbaren Erfolg.
"Hat etwas von Gefängnis"
Passanten, die zwischen den beiden fast 2,50 Meter hohen Zäunen am Har niskai zwischen Hafenspitze und Sonwik flanieren möchten, sind wenig begeistert. "Ich habe mich auch schon gefragt, was diese Fläche soll", sagt Lehramts-Studentin Eva (21) aus der Mürwiker Straße, die hier regelmäßig zu Fuß oder mit dem Fahrrad vorbeikommt. Und ihre Freundin Ina (20) findet: "Hat etwas von Gefängnis." Zur Erinnerung: hier entlang führt nicht nur der touristisch wichtige Ostseeküstenradweg. Hier sollte einst auch die überwiegend gelb geklinkerte Promenade von der Hafenspitze nach Sonwik verlängert werden, die bei "Mäder’s" am Werftkontor abrupt endet und sich nach einem kurzen, geklinkerten Stück beim Yachtservice am Industriehafen erst wieder auf der Promenade hinter dem Klärwerk findet.
Im Flensburger Rathaus, das neben der EU und dem Land immerhin auch ein Viertel der Europawiese spendiert hat, distanziert man sich von dem Schreiben der Makler. Ein Rundschreiben der Stadt gebe es nicht, und man habe die Schiffsmakler auch nicht ausdrücklich darum gebeten, sagt Stadt-Pressesprecher Thomas Kuchel. Wer seinerzeit und auf welcher Basis entschieden habe, dass die Europawiese gebaut und finanziert werde? Das sei Teil des Hafennutzungskonzeptes mit der Sanierung der Kaikante, das Hauptausschuss und Finanzausschuss schon 2009 abgesegnet hätten. Gesamtinvestiotion: 4,8 Millionen Euro bis 2013.
Insider hält Europawiese für eine Fehlinvestition
Noch vor zwei Jahren habe der Hauptausschuss in der Vorlage 46/2010 die Verwaltung ausdrücklich ermuntert, das Vorhaben umzusetzen: "Es gab nur Zustimmung der Politiker, keine gegenteiligen Äußerungen." Doch gab es eine Bedarfsanalyse über die Notwendigkeit? Ist über die Europawiese als Einzelprojekt je in der Politik abgestimmt worden? Von diesen Fragen kann Kuchel keine mit "ja" beantworten. Dass nun so viele Flächen frei blieben, liege am Rückzug der Raiffeisen-HaGe - ein Entwicklung, die in der Planung nicht abzusehen gewesen sei, sagt Kuchel.
Doch diese Entscheidung fiel im August, ist noch gar nicht umgesetzt - und die Europawiese seit Ende Juni einsatzbereit. "Dieses Projekt ist langfristig geplant und unter dem Hinweis, dass Fördergelder verfallen, durchgezogen worden", sagt ein Insider, der lieber nicht genannt werden will. Er hält die Europawiese definitiv für eine Fehlinvestition - und einen Fall für Steuerzahlerbund und Rechnungshof. Ein anderer, der Unternehmer und Nachbar Boy Meesenburg ("Jacob Cement") kann nicht verstehen, wie man Flächen ohne jede Spezifizierung fertigstellt - und sich Monate später auf die Suche nach Kunden macht. Ein Kunde benötige vielleicht überdachte Flächen ohne Zaun, ein anderer eine Halle mit Einzäunung.
Hauptausschussvorsitzende Erika Vollmer kann sich nicht erinnern, dass Ausschuss oder Rat je die Notwendigkeit der "Europawiese" diskutiert und entschieden hätten. "Ich habe keinen solchen Beschluss gefasst. Ihre Einschätzung: "Ich denke, dass die Europawiese in dieser Ausrichtung doch etwas zuviel des Guten war."

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