Landgericht Flensburg : „Es passiert nie wieder!“

Rolf L. auf der Anklagebank der I. Großen Strafkammer.
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Rolf L. auf der Anklagebank der I. Großen Strafkammer.

Erster Verhandlungstag im Prozess wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern vor dem Flensburger Landgericht

Gunnar Dommasch von
08. März 2017, 23:48 Uhr

Was ist das für ein Mann, der da blass und im blauen Jeans-Hemd auf der Anklagebank sitzt. Bei den Eltern der von ihm missbrauchten Kinder steht er unter verschärfter Beobachtung. „Er ist geständig, wirkt jedoch nicht schuldbewusst“, urteilt Dörthe Kastens, die als Nebenklägerin auftritt und deren Tochter im Alter von 14 von dem Busfahrer in seinem Fahrzeug sexuell missbraucht worden ist. Das war vor etwa zweieinhalb Jahren.

Für das Ehepaar Kastens ist es ein schwerer Gang hoch zum Gericht. Sie hoffen auf ein gerechtes Urteil – und glauben doch nicht so recht daran. Der Gang wird noch schwerer, da sie den Angeklagten als jemanden zu erkennen glauben, der voller Selbstmitleid ist. „Er zeigt offensichtlich keine Verantwortung für das, was er getan hat“, sagt Ehemann Ralf. „Und er gibt nur zu, was er zugeben muss.“

Seine Frau erzählt, wie ihre Tochter die Übergriffe erlebt hat. „Sie ist geistig behindert. Sie kann sich nicht wehren. Sie konnte nicht weglaufen, als es passierte.“ Gestern sagte sie vor der Großen Strafkammer aus. Insgesamt vier Eltern sind Nebenkläger – und sie alle hoffen, wie Dörthe Kastens, auf „eine rechtskräftige Verurteilung ohne Bewährung“.

Rolf L. aus Flensburg hat seine Taten bereits im Rahmen der polizeilichen Vernehmungen eingeräumt. Gestern wiederholte der 70-Jährige sein Geständnis vor dem Landgericht. Seine Hoffnung auf Bewährung gründet sich auf ein sogenanntes gerichtliches Vorgespräch vom 19. Juli des vergangenen Jahres mit den drei Berufsrichtern, dem Verteidiger, dem Staatsanwalt und den vier Nebenklägervertretern. Seinerzeit hatte die Verteidigung ein ausführliches Geständnis angekündigt – im Gegenzug um eine Bewährungsstrafe gebeten. Sein Mandant würde alles bereuen, habe Ausgrenzung erfahren und eine schwer kranke Frau zu Hause.

Er bereue also, die fünf Mädchen im Alter von 10 bis 17 Jahren sexuell missbraucht und fotografiert zu haben. Vier Schülerinnen besuchten die Friholtschule, eine das Förderzentrums für körperliche und motorische Entwicklung, heute Max-von-der-Grün-Schule, an der Elbestraße gelegen. Er selbst war Busfahrer eines Fahrdienstes für die Kinder. Auf dem Heimweg stoppte er den achtsitzigen Mercedes mit dem letzten verbliebenen Kind auf einem Grünstreifen, in der Nähe des Bahnhofs oder am Sportplatz. Das Mädchen musste sich ausziehen. Es gab Fotos, intime Berührungen. „Einmal hat ein Mädchen auch mich fotografiert, sie wollte das gern machen“, sagt der Angeklagte. „Mir tut das sehr leid, ich bereue es sehr. Es passiert nie wieder – nie wieder! Ich werde mich weiter in Behandlung begeben.“

Es hat sich einiges geändert nach den Taten. Die Stadt fordert von den Fahrern ein Führungszeugnis und einen Verhaltenskodex. „Doppelbesetzungen sind bei hohem Unterstützungsbedarf auf Antrag möglich“, sagt Stadtsprecherin Asta Simon. „Wir hatten seitdem keine Vorfälle mehr dieser Art.“ Es soll mehr Wert auf Qualitätskriterien bei einem Fahrdienst gelegt werden. Das freut Dörthe Kastens, aber richtig glücklich kann es sie nicht machen. „Unsere Kinder haben einen Machtmissbrauch erfahren, an dem sie ihr Leben lang zu tragen haben.“

>Der Prozess wird am Freitag um 9.15 Uhr fortgesetzt.

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