Fatih-Moschee Flensburg : „Es lebt sich besser ohne Vorurteile“

Imam Orhan Yilmaz (r.) und der Dialogbeauftragte Ismail Akçay der Fatih-Moschee in Flensburg.
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Imam Orhan Yilmaz (r.) und der Dialogbeauftragte Ismail Akçay der Fatih-Moschee in Flensburg.

Die Flensburger Muslime fühlen sich in der Stadt zu Hause. Sie sind ein Teil der deutschen Gesellschaft geworden. Islamfeindliche Tendenzen und vor allem die Mitläufer empfinden sie als bedrohlich.

shz.de von
25. Januar 2015, 09:00 Uhr

Flensburg | Nach dem Nachtgebet versammeln sich noch einige Männer im Vorraum der Fatih-Moschee. Natürlich verfolgen sie die Entwicklung der Pegida-Bewegung in Dresden und, was seit den Anschlägen auf die Satire-Zeitschrift „Charlie Hebdo“ passiert. Sie denken schon weiter. „Ich habe ein Haus, Arbeit. Meine Kinder gehen hier zur Schule. Ich denke nicht daran, weg zu gehen“, prescht einer vor. Der Imam der Moschee geht das Geschehen grundsätzlich an. Seit September leitet Orhan Yilmaz die Moschee, die Mitglied im Dachverband Ditib ist. „Wir leben hier, wir achten die Gesetze, wir zahlen Steuern“, betont der Mann aus der West-Türkei, und sein Landsmann, Ismail Akçay übersetzt.

Mehmet Aricioglu vom Vorstand des Fatih-Vereins unterstreicht, dass sein Großvater seit 1975 hier lebe und dazu beigetragen habe, das Land aufzubauen. „Wir sind ein Teil der deutschen Gesellschaft geworden“, sagt der junge Mann, der gleich gemeinsam mit dem Imam einen Termin im Rathaus wahrnimmt, wo das bunte Flensburg Thema sein wird. „Wir heißen nicht gut, was in Paris passiert“, sagt er, „doch hat das nichts mit dem Islam zu tun.“ Aricioglu kommt in der Öffentlichkeit der Blick darauf zu kurz, was nun mit den Moscheen geschieht. Vor dem Hintergrund der Gefahr von Anschlägen, wie sie sich beispielsweise in Schweden häufen, haben die Flensburger ihre Sicherheitsmaßnahmen verstärkt, springt Ismail Akçay bei.

„Moscheen predigen, dass die Menschen in der Gesellschaft etwas Gutes bewirken“, gibt der Imam Orhan Yilmaz auf den Weg, und Ismail Akçay ergänzt in seiner Übersetzung den Vergleich mit den Zehn Geboten der Christen. Weder im Islam noch in seinem Buch, dem Koran, „gibt es Zwang", erläutert Akçay. Jeder müsse die Erfahrungen selbst machen, die Botschaft des Propheten begreifen, sagt der sechsfache Familienvater, Wirtschaftswissenschaftler, Jahrgang 1967. Jeder entscheide frei, er habe das verstanden. Krieg im Namen einer Religion ergebe keinen Sinn. „Terroristen haben keine Religion.“ In Paris seien 17 Menschen gestorben, das stimme traurig, sagt Akçay und fragt: „Wofür?“ Die Pegida-Bewegung schließlich möge wichtige Dinge ansprechen, doch in einen falschen Zusammenhang bringen. Er sieht die Politiker in der Pflicht, diese Punkte aufzugreifen.

Als „bedrohlich“ empfindet Nazli Süchting die „eigene Dynamik“, welche die Bewegung entwickelt, und die Menge an Mitläufern. Die wenigsten, so glaubt Süchting, hätten persönliche Erfahrungen mit Muslimen gemacht. Sie ist überzeugt davon, dass der größte Teil der Mitläufer schlicht unzufrieden mit der eigenen Biographie sei und im Islam ein Feindbild gefunden hätte. Nazli Süchting ist vor 41 Jahren als Kurdin in der Türkei geboren und leitet den ADS-Kindergarten in der Schulgasse. Dort haben fast drei von vier Kindern einen Migrationshintergrund. An der Eingangstür hängt noch das Logo der Montagskundgebung des Bündnisses „Buntes Flensburg“. Weltoffenheit gehöre zum Leitbild der ADS-Einrichtung, betont Süchting. Einheimische mögen sie kennen in der Rolle der „Frau Karagüs“, der „bestens integrierten“ Petuh-Tante vom Neujahrsempfang. Die Diplom-Pädagogin selbst kennt Migration, kennt das Gefühl der Entwurzelung, sei zunächst innerhalb der Türkei „gewandert“ und dann mit sechs nach Leverkusen gezogen. „Seit 1994/1995 ist Flensburg meine Wahl-Heimat“, hier habe sie sich zum ersten Mal heimisch gefühlt.

Die Heimat seiner Familie im Südosten Afghanistans in der Provinz Paktika hat Abdullah N. noch nie gesehen. Der 22-Jährige ist in Deutschland zur Welt gekommen. Sein acht Jahre älterer Bruder Mohibullah N. ist hingegen gebürtiger Afghane. In Flensburg haben beide Brüder das Fachabitur an der Hannah-Arendt-Schule als kaufmännische Assistenten erworben. Seit Februar 2014 ist Mohibullah Herr über 800 Quadratmeter in der Neustadt und handelt mit Obst, Gemüse und Feinkost – und natürlich insbesondere Spezialitäten orientalischer Provenienz.

Im Markt arbeitet auch Abdullah. Die Pegida-Bewegung hält dieser für eine „große Panikmache“ und „etwas übertrieben“, wobei ihm nicht klar ist, ob die Medien dafür nicht eventuell Mitverantwortung tragen. Woher diese Angst bei den Menschen vor dem Islam kommt, kann er nicht beantworten, zumal verhältnismäßig wenige Muslime in Deutschland lebten. Abdullah beobachtet, dass der Islam hierzulande häufig mit Terrorismus in Verbindung gebracht werde. Er glaubt jedoch nicht an eine Zukunft der Pegida-Bewegung. „Es lebt sich besser ohne Vorurteile“, sagt Abdullah.

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