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Zu wenig günstiger Wohnraum : Es fehlen 1000 Wohnungen in Flensburg

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Raimund Dankowski, Vorstandsvorsitzender des Selbsthilfe-Bauvereins, rechnet angesichts der Flüchtlingskrise mit erhöhtem Baubedarf.

shz.de von
erstellt am 26.Okt.2015 | 07:45 Uhr

Flensburg | Am vergangenen Donnerstag ging die Verantwortung für das SBV-Hochhaus Travestraße 30 in die Hände der Stadt über. Ungeachtet des Brandanschlags in der Nacht auf den 15. Oktober, sind das 1. und 2. Obergeschoss bereit. Flensburgs Verwaltungssprecher Clemens Teschendorf zufolge sollen die Wohnungen während dieser Woche durch die Stadt bezugsfertig gemacht werden. Der Selbsthilfe-Bauverein hat die Brandspuren beseitigen und das Erdgeschoss sichern lassen. Das eigentlich für den Abriss vorgesehene Hochhaus wird nur Provisorium sein. Denn der SBV will bauen. Er muss bauen, denn der Druck auf den Wohnungsmarkt, sagt Vorstandsvorsitzender Raimund Dankowski, wird enorm sein.

Wie berichtet, hatten sich Anfang Oktober die beiden Flensburger Wohnungsbau-Genossenschaften SBV und FAB mit der Schleswiger Gewoba aus der Ausschreibung für den Bau einer Erstaufnahmeeinrichtung auf dem Flensburger Campus zurückgezogen. Die Gewoba übte in einer Pressemitteilung zuletzt scharfe Kritik am Land. Die nach der Bewerbungsphase vom Land vorgelegten Ausschreibungsbedingungen hätten die Rahmenbedingungen radikal geändert. Illusorische Realisierungszeiten und die Übernahme von unkalkulierbaren Risiken hätten die Umsetzung des Projektes unmöglich gemacht, so Gewoba-Chef Dietmar Jonscher.

Sein Flensburger Kollege Dankowski begründete den Schritt mit der Neuausrichtung seiner Genossenschaft auf den immer wichtiger werdenden Bau von bezahlbarem Wohnraum. Im Gespräch mit unserer Zeitung ging er von einem Bedarf von mindestens 1000 Wohnungen zusätzlich zu dem in städtischen Planungen eingestellten 5000 Wohnungsneubauten bis 2023 aus. „Der Druck wird so stark werden – das kann sich heute kaum einer vorstellen“, warnt er vor unberechenbarem sozialpolitischem Sprengstoff. Es seien ja nicht die Neuankömmlinge aus den Krisenregionen allein. „Wir werden auch in der bestehenden Bevölkerung immer mehr Menschen haben, die sich höhere Mieten einfach nicht mehr leisten können.“ Gebeutelte Rentner, Alleinerziehende, Arbeitslose, Menschen, die aus ihrem Arbeitseinkommen ihren Lebensunterhalt nicht mehr bestreiten können – in diesem Segment Wohnraum zu schaffen, ist für den SBV-Vorstand eine dringende sozialpolitische Pflicht.

Für die Genossenschaften, in deren DNA das Erleben der Stunde Null 1945 mit zig-Tausenden Vertriebenen, mit Hunger, Not und Obdachlosigkeit elementarer Bestandteil ist, wiederholt sich gerade die Geschichte. In den 50er Jahren entstand der Stadtteil Fruerlund mit Hilfe des ERP (European Recovery Program – auch Marshallplan genannt) aus wenigen standardisierten Gebäudetypen. Über Ähnliches denkt man in der Genossenschaftszentrale am Willi-Sander-Platz aktuell nach. „Einmal prüfen und Stempel drauf! Wir müssen über Standardisierung nachdenken, einen Entwurf, der schnell und preiswert und ohne große baurechtliche Verfahren umzusetzen ist. Und das muss kein Plattenbau sein.“

Große Teile der Ursprungsbebauung Fruerlunds wurden in den letzten Jahren durch moderne, energetisch optimierte Neubauten ersetzt. Dankowski könnte sich eine davon abgeleitete, abgespeckte Form vorstellen. „Wir haben das gerade angestoßen. Die Architekten sind dran, und wir hoffen, gegen Ende des Jahres Entwürfe präsentieren zu können.“ Er hofft auch, dass Bund und Land bis dahin ein Förderprogramm aufgelegt haben. „Das werden wir brauchen. Für diese Aufgabe reicht die Kapitalisierung der Genossenschaften nicht aus.“

Der SBV setzt damit konsequent auf die dritte Ebene der aktuellen Entwicklung, auf das dauerhafte Wohnen, auf Integration. Gemeinschaftsunterkünfte zu bauen, kam nicht in Frage, die – vorerst gescheiterte – Erstaufnahmeeinrichtung ist nach Dankowskis Überzeugung längst durch die rasante Entwicklung überholt worden und hätte zu den Bedingungen des Landes auch nicht gebaut werden können. „Was wir dorthin gestellt hätten, hatte mit den Vorstellungen Kiels nichts zu tun“, sagt er. Kiel wollte einen Spezialbau. „Wir sind ohnehin alle auch von der weiteren Entwicklung überrollt worden. Mit der Lösung vom Mai werden wir dessen nicht mehr Herr.“

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