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Unterbringung von Flüchtlingen : Erstaufnahme ohne Flüchtlingsdorf

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die auf dem Campus geplante Einrichtung steckt in europaweiter Ausschreibung fest. Die Ehrenamtler sehen Möglichkeiten für eine dezentrale Lösung.

shz.de von
erstellt am 17.Sep.2015 | 11:13 Uhr

Flensburg | Die Erstaufnahmeeinrichtung auf dem Flensburger Campus kann kaum mehr wie geplant am 1. September nächsten Jahres in Betrieb gehen. Im langwierigen Vergabeverfahren einer europaweiten Ausschreibung hat das Land gerade den ersten Schritt absolviert. Gestern erst gingen bei den genossenschaftlichen Partnern in Flensburg und Kiel – Selbsthilfe-Bauverein, Flensburger Arbeiter-Bauverein und Gewoba Nord – die Projektunterlagen ein. Die drei Baugenossenschaften hatten Kiel schon im April angeboten, die Einrichtung für 600 Flüchtlinge zu bauen und zu betreiben. Vier Monate später kann man sich in Flensburg auch andere Modelle vorstellen.

SBV-Vorstandsvorsitzender Raimund Dankowski hatte die Bereitschaft erklärt, dass die schleswig-holsteinischen Baugenossenschaften insgesamt zum Bau und Betrieb von drei neuen Erstaufnahmeeinrichtungen bereit seien. Aber statt gleich loszulegen, ging das Projekt in die europaweite Ausschreibung, soeben ist die erste Phase der Interessensbekundung abgeschlossen. Dankowski nimmt es gelassen. „Das Land musste so handeln. Ich weiß, dass intensiv geprüft wurde, ob man diesen Weg umgehen kann. Aber das hätte unwägbare rechtliche Gefahren heraufbeschworen.“ Die drohen auch jetzt noch. Das Innenministerium wollte Zahlen nicht nennen, aber es sind noch andere Bewerber im Pool – sollte es ganz dumm laufen, könnten Rechtsstreitigkeiten das Projekt in die Länge ziehen.

Mittlerweile ist das eine Vorstellung, die trotz weiterhin unkalkulierbarer Flüchtlingszahlen in Flensburg etwas an Schrecken verloren hat. Die Ursache dafür ist seit vergangener Woche am Flensburger Bahnhof zu beobachten. Dort ist in der Betreuung von Tausenden Kriegsflüchtlingen ein ehrenamtliches Netzwerk gewachsen, das im Vergleich mit einer schwerfälligen, in Teilen auch noch politisch ferngesteuerten Verwaltung im Überschalltempo agieren kann. Die Landtagsabgeordnete Simone Lange, eine der Koordinatorinnen dort, traut der binnen weniger Tage gewachsenen Struktur viel zu. „Wir können uns mit unseren fünf Notebooks am Tapeziertisch frei bewegen. Bürgerliches Engagement macht alles viel schneller. “ Binnen kürzester Zeit entstanden über 150 Flüchtlingsquartiere aus dem Nichts. Der Selbsthilfe-Bauverein beispielsweise will (wegen eines an dieser Stelle geplanten Neubaus) ein geräumtes Hochhaus in der Travestraße auf zwei Stockwerken einbringen. (Wir berichten morgen ausführlicher.) Simone Lange stimmt diese unerwartete Entwicklung so euphorisch, dass ihrer Überzeugung nach dank des Ehrenamts Flensburg auf Umwegen doch zu einer dezentralisierten Lösung für die Erstaufnahmeeinrichtung kommen könnte. „Wir haben aus verschiedenen Richtungen dankenswerter Weise so viele Angebote bekommen, dass wir am Ende über die kleinteiligen Lösungen nur noch das staatliche Organisationsdach errichten müssten“, sagt die SPD-Landespolitikerin.

Raimund Dankowski denkt derweil schon an die Zeit nach der Erstaufnahme – nämlich, wenn die Flüchtenden in Deutschland heimisch werden. „Die Unternehmen der Wohnungswirtschaft müssen jetzt schnell beginnen, für die Menschen zu bauen, die nach ihrer Anerkennung bei uns bleiben wollen.“ Der SBV-Vorstand sieht im Bereich günstigen, öffentlich geförderten Wohnraums einen enormen Konkurrenzdruck zwischen Zugereisten aus den Kriegsgebieten, Studenten, Alleinerziehenden und älteren Menschen vorher. „Das können wir aus eigener Kraft nicht mehr. Da muss Berlin helfen.“

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