Jubiläum : Erkenntnisse aus dem Kinderzimmer

Freudiger Anlass: Gesa Görrissen und Prof. Peter Struck gestern vor dem  Haus der Familie.
Freudiger Anlass: Gesa Görrissen und Prof. Peter Struck gestern vor dem Haus der Familie.

Haus der Familie feiert seinen 60. Geburtstag mit Gästen, Wegbegleitern und Festredner Peter Struck an der Wrangelstraße

shz.de von
24. Juni 2014, 11:14 Uhr

Peter Struck ist für klare wissenschaftliche Worte bekannt. Wohl auch deshalb hat der Hamburger Erziehungswissenschaftler gestern Nachmittag die Festrede zum 60. Geburtstag des Hauses der Familie gehalten. Struck sprach darüber, wie Kinder und Jugendliche lernen in Zeiten multimedial vernetzter Kinderzimmer. Dabei setzt Struck noch früher an: „70 Prozent der kindlichen Persönlichkeit sind am Ende des dritten Lebensjahres entschieden, 35 Prozent schon während der Schwangerschaft angelegt“, sagt Struck. Da habe es sehr wohl einen Einfluss, ob es Streicheleinheiten durch die Bauchdecke gebe oder die werdende Mutter mit dem ungeborenen Baby rede. Erkenntnis: Je früher gefördert werde, um so besser. „Mit 14 Jahren ist die Persönlichkeit eines Menschen nicht mehr zu beeinflussen.“

Sachdienliche Hinweise auf das kindliche Medienkonsum–Pensum gab Struck gestern vor Journalisten im Haus der Familie auch. Bis zu drei Jahren sollten Kinder am besten gar nicht vor den Bildschirm, verriet er. Für Drei- bis Vierjährige genehmigte er 20 Minuten am Tag, für Fünf- bis Sechsjährige 30 Minuten und für Sieben- bis Achtjährige eine Dreiviertelstunde. „Zur Fußball-WM darf es auch ein bisschen mehr sein.“

Dass das Haus der Familie es als soziale Einrichtung überhaupt zu einem 60. Geburtstag geschafft hat, verbuchte Einrichtungsleiterin Gesa Görrissen in Zeiten immer knapperer öffentlicher Kassen als großen Erfolg: „Binnen vier Jahren wurden vom Land über 50 Prozent der Mittel gekürzt.“ Deshalb habe man sich neu aufstellen und von einigen Bereichen trennen müssen. Dies sei geschehen – und nun wolle das Haus der Familie mit seinem Träger, dem ADS-Grenzfriedensbund, optimistisch nach vorne blicken.

Einzigartig am Haus der Familie sei, dass an der Wrangelstraße so viele verschiedene Einrichtungen und Projekte unter einem Dach vereint seien, findet Leiterin Görrissen – Familienbildungsstätte, Schuldnerberatung, die Selbsthilfekontaktstelle mit ihren allein 135 Gruppen und 15 Neugründungen pro Jahr: „Wir müssen die Leute nicht wegschicken, sie gehen einfach eine Tür weiter“, sagt Gesa Görrissen und nennt noch einen Grund, der für die Nähe zur Kundschaft spricht: „Wir haben lange Öffnungszeiten bis 20.30 Uhr abends.“

Schließlich können die Teilnehmer an 500 Kursen mit 16 000 bis 18 000 Kursstunden pro Jahr kaum irren. 18 fest angestellte Mitarbeiter, 50 Ehrenamtliche sowie rund 100 Honorarkräfte garantieren das breite Spektrum.

Julia Böttcher von der Familienbildungsstätte berichtete von der neuen Weiterbildung für das Kita-Personal für Unter-Dreijährige, nicht nur für die 30 Kindertagesstätten des ADS-Grenzfriedensbunds. Binnen eines Jahres kann man dort Fachkraft für Frühpädagogik werden.

Erziehungswissenschaftler Peter Struck indes sorgt sich vor allem um die Zukunft der Jungen. Der Grund: „Mädchen lernen zu 60 Prozent durch Ausprobieren, Jungen zu 90 Prozent.“ Deshalb müssten die Mütter bei ihren Jungs auch Fehler zulassen. „Da kleine Jungen über Ausprobieren lernen, darf man das nicht bestrafen“, doziert der Erziehungswissenschaftler. Schließlich werde am Laptop oder Computer auch durch Austesten gelernt. Übrigens hat Struck kein Problem damit, wenn Achtjährige neun Stunden pro Woche am Computer spielen – solange es nicht nur Ballerspiele sind.

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