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Flensburger Tageblatt

24. August 2017 | 05:42 Uhr

Englische Brücke: Der Zeit weit voraus

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Vor 125 Jahren starb Friedrich Brandt, Pionier der Fotografie in Schleswig-Holstein / Drei Jahre vor ihrem Abbruch fotografierte er das Bauwerk

Ihm verdankt Flensburg eine Serie herrlicher Fotos, die die Stadt im Übergang von der Vergangenheit in die Neuzeit zeigen: Friedrich Brandt, Pionier der Fotografie im Norden des Landes, Bildberichterstatter, Hoffotograf, Lichtbildner im klassischen Verständnis und seinerzeit für viele Flensburger bester Repräsentant dieses neuen Handwerks in Flensburg, mit Atelier am Holm. Vor 125 Jahren, am 3. Juni 1891, starb Brandt in Flensburg – verarmt, denn er hatte es nicht verstanden, aus seinem Können nachhaltig Kapital zu schlagen. Und auch die Konkurrenz verstand es, das neue Medium einzusetzen – mit ausgezeichneten Ergebnissen. Zum 125. Todestag Friedrich Brandts veröffentlicht die Stadtredaktion in lockerer Folge eine Serie seiner historischen Stadtansichten.

Trotz des traurigen Endes Brandts – es bleiben seine herrlichen Arbeiten. Manche Stadtansichten dürften für den Meister auch eine Herausforderung gewesen sein. Etwa die Ansicht von Stadt und Hafen (oben). Sie gehört zu einer Serie, die zeigt, dass Hafenmotive Friedrich Brandt besonders fasziniert haben.

Um dieses Foto aufzunehmen, war echte Arbeit notwendig: Dafür musste der Fotograf mit der sperrigen, schweren Kamera den Turm der Marienkirche besteigen. Der Lohn dafür: ein atemberaubender Ausblick. Auffällig ist das Brückenbauwerk direkt im Hafenbecken. Es ist in diesem Bild das markanteste Zeichen der neuen Zeit. Das Foto entstand 1880.

Im Jahr 1854 hatte die Eisenbahn Flensburg erreicht. Ihr Bau war eine Investition englischer Kaufleute, die in ihrem Handel mit Dänemark den gefährlichen Seeweg um das Skagerrak und dänische Zollschranken umgehen wollten. Der neue Handelsweg führte von England nach Tönning, dann über Land per Bahn nach Flensburg und von dort weiter über See nach Dänemark,weiter über die gesamte Ostsee bis nach Russland. Die englische Brücke zog die Handelsströme nach Flensburg. Zeitverluste und Kosten durch das Umladen der Ware spielten offenbar keine große Rolle. Mit dem Bau der englischen Brücke im Hafen wurde das Ladegeschäft erleichtert.

Obwohl alle Züge im „englischen Bahnhof“, heute Zob, endeten, war die Bahnsteighalle nach beiden Seiten hin offen. So konnten Güterzüge durch den Bahnhof hindurch auf die „englische Brücke“ geschoben werden, an der die Schiffe warteten. Schon vor dem Bau der Bahn hatte der Ingenieur, Sir Morton Peto, den Plan entwickelt, vom Plankemai aus eine 1000 Fuß lange Landungsbrücke in den Hafen hinein zu bauen. Hauptgrund dafür war die starke Verlandung des Hafens, der einst bis zur Angelburger Straße reichte, aber immer stärker zuschwemmte. Im Jahr 1857 wurden die Pläne Petos zum Bau der „englischen Brücke“ verwirklicht. Sie war 257 Meter lang.

Das Zufahrtgleis aus dem Bahnhof gabelte sich in zwei Ladegleise. Wenige Jahre später wurde die Anlage um ein drittes Gleis erweitert. Am Nordende der Brücke stand ein Packhaus, der Speicher, für die Zwischenlagerung der Waren.

Im Buch „150 Jahre Eisenbahn in Flensburg“ von Kaufhold, Klein und Schikorr ist eine zeitgenössische Beschreibung wiedergegeben: „Vom Bahnhof zum Speicher führte ein Erddamm von etwa 80 Schritt Länge, dann folgte die hölzerne Brücke, welche eine Länge von reichlich 270 Schritt hat. Diese in etwas gekrümmte Richtung nach Norden fortlaufende Brücke, hat anfänglich nur ein Gleis, aber nach Norden hin folgen zwei Gleise, die über den etwa 50 Schritt breiten Vorhof und das ganze Gebäude laufen, auf dessen beiden Enden Querspuren und Drehscheiben zum Wenden der Lokomotiven angebracht worden sind.“

Die Bahn war so erfolgreich, dass in den Monaten Juli und August 1856 etwa 20 Millionen Pfund Transitgüter befördert wurden, davon etwa 15 Millionen Pfund zwischen Flensburg und Tönning. Dazu kamen 200  000 Tonnen Steinkohle für die Stadt und zur Versorgung sämtlicher Dampfschiffe, die von Flensburg aus in See stachen. Die Idee des Umschlags mitten im Hafen war ein logistischer Volltreffer und ihrer Zeit weit voraus.

Die „englische Brücke“ bestand bis 1883. Vielleicht hat das Gerücht von ihrem Abbruch Brandt drei Jahre zuvor zu dem Foto inspiriert.

Und noch ein Zeichen der neuen Zeit: Rechts im Bild ist das Johannisviertel mit Schornsteinen und zwei länglichen Fabrikhallen sichtbar. Es ist die Eisengießerei von Jepsen, die auf dem Gelände des Margarethenhofes entstand. Damit war die Entwicklung des Stadtteils hin zu einem der wichtigsten Industriegebiete der Stadt markiert. 

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erstellt am 05.Apr.2016 | 17:12 Uhr

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