Diskussion im Rathaus : Energiewende elektrisiert Flensburg

Fünf Männer unter Strom: (v.l.) Flemming Hammer, Michael Wübbels, OB Simon Faber, Prof. Olav Hohmeyer und Maik Render.  Foto: Staudt
Fünf Männer unter Strom: (v.l.) Flemming Hammer, Michael Wübbels, OB Simon Faber, Prof. Olav Hohmeyer und Maik Render. Foto: Staudt

Stadt und "Flensburger Tageblatt" haben mit Experten unter dem Motto "Unsere Energiezukunft" über die Zukunft der Energieversorgung in Flensburg diskutiert.

Avatar_shz von
05. Juni 2011, 02:03 Uhr

Flensburg | Sie würden sich allesamt einen weniger tragischen Hintergrund wünschen, aber die Katastrophe von Fukushima nach dem verheerenden Erdbeben und den noch verheerenderen Tsunamis haben Deutschlands Stadtwerke zu Gewinnern gemacht. Die Vollbremsung der Bundesregierung mit dem jetzt folgenden Atomausstieg hat die Marktkoordinaten zu Gunsten der kommunalen Versorger verschoben. "Unsere Energiezukunft" hieß am Mittwochabend eine gemeinsame Diskussionsveranstaltung von Stadt und Flensburger Tageblatt. Über 200 Gäste in der Bürgerhalle dokumentierten eindrucksvoll: Bei dieser Energiewende wollen die Bürger mitreden.
Oberbürgermeister Simon Faber stellte als Gastgeber vier Experten vor, die aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln den Umbruch auf dem Energiemarkt auf die lokale Ebene herunterbrachen: Michael Wübbels (Verband kommunaler Energie-Unternehmen), Flemming Hammer (dänische Energieberatungsfirma Cowi), Prof. Olav Hohmeyer (Klimaforscher Uni Flensburg) und Maik Render, Geschäftsführer der Stadtwerke Flensburg. Moderiert wurde die zweieinhalbstündige Diskussionsveranstaltung von Ulrich Spitzer (IHK Flensburg) und Carlo Jolly (Flensburger Tageblatt).

"Lassen sie sich nicht kopfscheu machen!" - Klimaforscher Olav Hohmeyer hält das von der Atomlobby gestreute Szenario der Energielücke für reine Propaganda. Die Branche habe sich seit dem rot-grünen Ausstiegsbeschluss auf exakt diesen Zeitpunkt vorbereiten müssen. "Der weichgespülte Ausstieg der Bundesregierung ist nur das, was schon lange zuvor beschlossen worden ist", sagte er. Und nicht nur die Energieriesen mussten auf diesen Punkt hinarbeiten. Das mussten die kommunalen Energieversorger ebenso, die von der Laufzeitverlängerung kalt erwischt wurden und nach dem "Ausstieg vom Ausstieg vom Ausstieg" (OB Faber) jetzt wieder in der Spur sind. Michael Wübbels ließ die 900 deutschen Stadtwerke in der Bürgerhalle gegen die vier Branchen-Großmächte antreten, und zwar ganz selbstbewusst als Atomkraft-Gegner. "Auf dem Weg zu einer nachhaltigen dezentralen Energieversorgung werden die deutschen Stadtwerke eine ganz wesentliche Rolle spielen", kündigte er an. Dazu bedürfe es einer neuen Netzstruktur ebenso wie neuer Produkte und der verstärkten Einbindung erneuerbarer Energien in diese neue Struktur. 900 Stadtwerke seien bereit, dafür 12 Milliarden Euro in die Hand zu nehmen. "Wir haben der Bundesregierung dies als Paket angeboten - und die Bundesregierung hat gesehen, dass es neben vier industriellen Großerzeugern noch 900 regionale Energieversorger gibt, die im Verbund größer sind als Eon", sagte Wübbels.
Dänemark scheint in dieser Hinsicht schon ein großes Stück weiter zu sein. Flemming Hammer lenkte den Blick auf das kleine Nachbarland, das mit dem Ausbau von in Kraftwärmekopplung (KWK) erzeugter Heizenergie Lichtjahre vor den Deutschen liegt. Die Abdeckung mit Fernwärme liegt im Königreich bei 62 Prozent, der KWK-Anteil sei von 20 Prozent im Jahr 1980 in nicht einmal zwanzig Jahren auf 80 Prozent gestiegen. Bei der Erzeugung erneuerbarer Energien setze Dänemark hauptsächlich auf Holzpellets, zukunftsträchtig sei ein Mix mit Geothermie, Sonnen- und Windenergie.
Stadtwerke mit 8 bis 9 Prozent Atomstromanteil relativ gering belastet
Geothermie war in der sehr lebhaften Diskussion eines der Stichworte. Für Flensburg kein Thema, findet Hohmeyer. Um die erforderliche Wassertemperatur zu erreichen, sei eine Bohrung in 3000 Meter Tiefe erforderlich - ein auch noch mit Erfolgsrisiken behaftetes 10-Millionen-Projekt. Er wollte freilich nicht ausschließen, dass derartige Energieerzeugungsmöglichkeiten rentierlich werden könnten.
Die Ökologie bei der Strom- und Wärmererzeugung war eines der meistgefragten Themen in der Diskussion. Die Frage nach dem Atomstrom-Anteil beispielsweise. Stadtwerke-Geschäftsführer Maik Renders erklärte die neunprozentige Beimengung mit der Markt-Situation. Die Stadtwerke produzieren mehr Strom, als in Flensburg benötigt wird. Lokal sei der Anteil also mit Null anzusetzen, doch im bundesweiten Vertriebsgebiet verschlechtere sich die Bilanz. Im Durchschnitt (25 Prozent) seien die Stadtwerke freilich mit 8 bis 9 Prozent relativ gering belastet. Oder die Frage nach der Produktion von "grünem" Stadtwerke-Strom. Ein Produkt, auf das die Stadtwerke hinarbeiten - aber noch nicht liefern könnten. Immerhin: Der Ökostrom, den die Stadtwerke aus Wasserkraft und anderen Erneuerbaren anbieten, liegt bundesweit ganz vorn.
Interessant der Hinweis Hohmeyers, dass es Überlegungen gibt, innerhalb der nächsten zwei Jahre für die Haushalte "grüne" Fernwärme anzubieten. Die Fernwärme übrigens ein zwar grundsätzlich gelobtes, in Einzelfällen aber lästiges Produkt. Passivhaus-Bauer kritisierten den Flensburger Anschlusszwang, der noch deutlich weitergehenden Energie-Einsparungen zuwiderlaufe. Hohmeyer verteidigte das Flensburger KWK-Prinzip im Grundsatz, stimmte den betroffenen Bauherren in einem wesentlichen Punkt aber zu. "Ein solches Projekt sollte man nicht durch den Anschlusszwang platt machen." Render warb um Geduld. "Wir können nicht alles gleichzeitig machen - aber wir produzieren Atomstrom-frei und wer das macht, verdrängt Atomkraftwerke."
(ho, shz)

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen