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Flensburger Hofkultur : „Emil“ und „Lottchen“ am Güterbahnhof musikalisch untermalt

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

In einem kleineren Hof mit intimer Atmosphäre wäre „Vertiko“ besser zur Geltung gekommen.

Am Mittwochabend öffneten sich die Türen zu dem versteckt liegenden großen Innenhof der Firma Muttersbach am Güterbahnhof. Rund 300 Zuhörer verteilten sich auf die mit Wasserlauf und hohen Gräserbüschen gestaltete Fläche – ein besonderes Ambiente, das auch die Musiker des Swing-Trios „Vertiko“ inspirierte. Dessen Bandleader, der vielseitige Komponist und Instrumentalist Ralf Böcker startete vor fünf Jahren die Zeitreise mit Gedichten des berühmten Schriftstellers Erich Kästner (1899-1974) vom Geburtsort Dresden über Leipzig und Berlin bis nach München.

Nicht nur seine international erfolgreichen Romane wie „Emil und die Detektive oder „Das doppelte Lottchen“ leben noch heute im Gedächtnis vieler Menschen. Im Publikum wurden auch einige Gedichtzeilen auswendig aufgesagt. Ralf Böcker hat sich skurrile und melancholische Gedichte ausgesucht, die sich mit Beziehungskrisen und dem Alltag befassen. Aber er hat auch die politischen Gedichte, die von der Zeit des aufkommenden Nationalsozialismus sprechen, nicht weggelassen.

Kästners Texte liegen wie angegossen im Sound der 20er Jahre und der Mix aus Swing, Ragtime und Tango ist bestens gelungen. Die charmante Hamburger Sängerin Nina Majer, im schwarzen Paillettenkleid mit Netzstrümpfen und Perlenkette, interpretierte mit vielseitiger dunkler Alt-Stimme, schauspielerischem Talent und Sex-Appeal. So folgte sie mit rasanten Vokalisen den Gedankensprüngen des „Stehgeigers“ an seine vermeintlich untreue Frau, konnte aber ebenso mit samtigem Ton verführen oder vulgär auftrumpfen wie im Lied der „Animierdame“.

1927 schrieb Kästner das erotische „Abendlied des Kammervirtuosen“ und wurde wegen angeblicher Frivolität aus der Redaktion der Leipziger Zeitung entlassen. „Komm lass uns durch Oktavengänge schreiten! Das Furioso, bitte, noch einmal!“ deklamierte Nina Majer lasziv mit verschwenderischen Gesten, während Pianist Frederick Feindt in die Tasten griff und mit entsprechenden Rhythmen die Aussage steigerte.

So gelang es dem virtuosen Trio zum Schluss des Konzertes mit einem Blues und einem englischen Text aus Kästners „Sachliche Romanze“ das Publikum sogar in Wallung zu bringen. In einem kleineren Hof mit intimer Atmosphäre wäre „Vertiko“ besser zur Geltung gekommen, doch ein schöner Abend unter Mondschein war es allemal.



„Ballgefüster“ heisst die CD, 2016 bei Laika-Rekords erschienen.


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erstellt am 04.Aug.2017 | 11:04 Uhr

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