zur Navigation springen
Flensburger Tageblatt

24. August 2017 | 05:34 Uhr

Elternersatz für junge Flüchtlinge

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Vormundschaften gefragt: Hauptamtliche betreuen bis zu 50 Mündel / Ehrenamtliche werden gesucht

Pia Knies traf Nezar im Bahnhof. Der 15-jährige Syrer war ziemlich durch den Wind, „gebeutelt von der langen Flucht, verstört“, erinnert sich die Flensburgerin. Er war in Flensburg gestrandet, wollte eigentlich weiter nach Schweden zu seinem Onkel, blieb dann aber einfach hier. Pia Knies hatte Schicht im Bahnhof, zusammen mit Pelle Hansen, und es war reiner Zufall, dass der Junge gerade an die beiden geriet. Schnell merkten sie, dass er Hilfe brauchte, und Nezar merkte, dass er sie bei ihnen bekam. Es entwickelte sich eine Art Patenschaft; aus der ehrenamtlichen Flüchtlingshelferin wurde so etwas wie „Mama Pia“. Jetzt ist die 39-Jährige kurz davor, die Vormundschaft für den jungen Syrer zu übernehmen.

„Für die Kinder unter den Flüchtlingen ist es wichtig, eine Bezugsperson zu haben“, sagt Pia Knies, die für die Dauer ihres Einsatzes im Bahnhof vom Kulturzentrum Volksbad, wo sie hauptamtlich tätig ist, frei gestellt worden ist. Minderjährige Flüchtlinge brauchen einen Vormund, und in den allermeisten Fällen übernehmen Behördenvertreter diese Aufgabe. Doch die haben oft nicht genug zeitlichen Spielraum, sich um jeden einzelnen persönlich zu kümmern. Pia Knies ist es eine Herzensangelegenheit, dass mehr Menschen eine Vormundschaft übernehmen.

Das ist auch grundsätzlich möglich, aber nicht so einfach. Das Flensburger Jugendamt betreut derzeit 225 Minderjährige; davon sind fast 150 Flüchtlinge. „Diese Zahl hat sich in eineinhalb Jahren mehr als verdoppelt“, sagt Thomas Russ, Leiter der Abteilung Soziale Sicherung im Rathaus. Im Bereich Amtsvormundschaften gibt es allein drei Mitarbeiter, die ausschließlich Vormund sind; sie haben bis zu 50 Mündel, das ist die gesetzliche Obergrenze. Als Vormund übernehmen sie sämtliche Aufgaben, die sonst Eltern übernehmen. Sie werden aktiv, wenn es um schulische Fragen, um Arzt- oder Krankenbesuche, um Unterschriften geht. Bei den jungen Flüchtlingen sind es oft Fragen des Asyls, des Aufenthaltsstatus und der Duldung. Wichtig: Die Vormünder vertreten dabei immer die Interessen der Jugendlichen und nicht die der staatlichen Stellen – auch wenn eine davon ihr Arbeitgeber ist. Die persönliche alltägliche Betreuung liegt jedoch bei den pädagogischen Mitarbeitern der Einrichtungen, in denen die Jugendlichen leben, oder bei den Pflege-Eltern. Dieser Unterschied muss den Jugendlichen erst einmal verdeutlicht werden. „Das verstehen sie dann aber recht bald“, sagt Thomas Kuchel, der den Bereich der Amtsvormundschaften leitet und selbst 20 Mündel betreut.

Doch es geht auch anders. Jeder Bürger kann Vormund werden – als so genannter „ehrenamtlicher Einzelvormund“. Davon gibt es aber nur gerade eine gute Handvoll. „Den Bedarf an weiteren sehen wir schon“, sagt Thomas Russ. Er erinnert aber daran, dass eine Vormundschaft eine Reihe von Verpflichtungen mit sich bringt. „Man geht eine Verantwortung ein.“ Kuchel weiß, dass man nicht immer nur Dankbarkeit erwarten kann. „Die jungen Flüchtlinge sind aber alle unheimlich einsatzwillig, die haben alle ein Ziel vor Augen.“ Wer Interesse an einer Vormundschaft hat, kann sich an das Jugendamt wenden. Die Entscheidung trifft am Ende jedoch das Vormundschaftsgericht.

Dessen Entscheidung steht im Falle des jungen Syrers Nezar aus Aleppo noch aus. Pia Knies ist optimistisch, dass es die richtige Entscheidung treffen wird.

Karte
zur Startseite

von
erstellt am 16.Mär.2016 | 14:30 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen