Tarifverhandlungen : Eltern unterstützen Streik der Erzieher

Ab heute müssen viele Kinder zu Hause spielen.
Ab heute müssen viele Kinder zu Hause spielen.

Ab heute gehen zehn städtische Kitas in den unbefristeten Ausstand. Trotz des Verständnisses dafür wissen einige Familien nicht, wohin mit dem Nachwuchs.

shz.de von
08. Mai 2015, 08:00 Uhr

Flensburg | Wohin mit den Kindern? Diese Frage haben sich Eltern in den vergangenen Tagen immer wieder gestellt. Denn ab heute können sie ihre Sprösslinge nur begrenzt in die städtischen Kindertagesstätten bringen. Diese werden bestreikt – mit offenem Ende. Der Grund: Die Gewerkschaft Verdi möchte die Öffentlichkeit zusammen mit den Erziehern darauf aufmerksam machen, dass diese zu wenig verdienen für die Arbeit, die sie täglich leisten müssen.

In Flensburg bleiben heute die Kitas Tarup, Engelsby, Neustadt, Schwedenheim, Sophiesminde, Stuhrsallee und Johannisstraße geschlossen. Die Einrichtungen Fruerlund, Alter Kupfermühlenweg und Weiche richten Notgruppen ein, die von zwei bis drei Mitarbeitern betreut werden. Diese dürfen auch von Kindern aus den Kitas genutzt werden, die nicht geöffnet sind. „Die Kitas entscheiden vor Ort, welche Kinder sie in den Notgruppen betreuen“, erklärt Maren Jensen, Leiterin der Kindertagesbetreuung der Stadt. Dabei werden aber soziale Belange eine Rolle spielen. Rund 770 Kinder sind betroffen.

„Die Eltern sind im Voraus über den Streik informiert worden“, sagt Katharina Dethleffsen, Vorsitzende der Kreiselternvertretung (KEV) Flensburg. Für viele stellt der Streik eine Herausforderung dar, denn sie müssen sich nun um eine alternative Betreuung kümmern. „Nicht jeder hat eine Oma in der Nähe“, sagt die vierfache Mutter. Deshalb bleibt für einige Eltern, die ihre Kinder nirgendwo unterbringen können, nur eine Möglichkeit: Unbezahlten Urlaub zu nehmen. Das wird auch auf Michael Kaiser und seine Frau zukommen. Heute nimmt er seinen Sohn Joris, der in die Kita Schwedenheim geht, mit zur Arbeit. In der nächsten Woche wird er Joris abwechselnd mit seiner Frau betreuen, die sich an der Europa-Universität unbezahlten Urlaub nimmt. Kaiser unterstützt den Streik zu „Hundert Prozent“. „Die Leute sind unterbezahlt für das, was sie leisten“, sagt er. „Und wir müssen dann eben flexibel sein.“ Das bestätigt auch Katharina Dethleffsen. „Die Erzieher haben nicht nur einen Betreuungs-, sondern auch einen Bildungsauftrag“, stellt sie klar. „Außerdem haben sie eine große Verantwortung.“

Eine alternative Betreuung zu finden, funktioniert jedoch nicht für alle Eltern problemlos. Jessica Blömeke, deren Kinder Henri und Ira in die Kita Engelsby gehen, kann den Nachwuchs heute an ihrem freien Tag betreuen. In der nächsten Woche macht die Pädagogin beim Verein Lichtblick weniger Stunden, am Mittwoch wird die Familie von der Großmutter unterstützt, die aus dem Erzgebirge zu Besuch kommt. „Wenn der Streik aber dann nicht zu Ende ist, bekommen wir Probleme“, sagt die 32-Jährige, die trotzdem vollstes Verständnis hat.

Da die Kosten für die Kita trotz des Streiks weiter anfallen, haben einige Eltern angekündigt, die Monatszahlungen einzustellen oder nur Anteile zu bezahlen. Ob das möglich ist, muss die Stadt prüfen. Wer dies in Erwägung zieht, kann sich zum Beispiel bei Maren Jensen melden.

Neben dem niedrigen Gehalt gibt es in den Kitas aber noch andere Probleme, mit denen die Erzieher täglich zu kämpfen haben. Zwei davon sind der Personalengpass und der Bauzustand der Einrichtungen. In einigen Kitas stehen Eimer in den Räumen, weil Wasser von der Decke tropft. In alten Gebäuden gebe es einen Sanierungsstau, erzählt Dethleffsen. Doch das ist nicht alles. Die Bedingungen, unter denen die Frauen und Männer arbeiten, lassen auch zu wünschen übrig. „Uns sind Fälle bekannt, bei denen eine Erzieherin acht Stunden lang nicht auf die Toilette gehen durfte, weil sie als einzige eine Gruppe betreute und die Kinder nicht allein lassen durfte“, erinnert sich die Vorsitzende der KEV. Jensen zufolge gibt es für den Personalschlüssel gesetzliche Vorgaben – die jedoch als nicht ausreichend empfunden werden, was die Mitarbeiteranzahl und die geforderten Leistungen betrifft.

Wie lange der Streik geht, kann noch niemand sagen. Die regionale Verdi-Geschäftsführerin Ute Dirks hofft aber, dass es bald eine Einigung gibt. In der nächsten Woche werden bis auf die Einrichtung in Tarup die Kitas Engelsby, Neustadt, Schwedenheim, Stuhrsallee, Sophiesminde und Johannisstraße streiken. Deshalb werden sich morgen Eltern und Kinder einiger Einrichtungen um 8.30 Uhr vor dem Rathaus treffen, um mit Vertretern der Stadt zu sprechen. Und um 10 Uhr ruft Verdi zu einer Demo auf, die am Borgerforeningen (Holm 17) los geht und am Pferdewasser endet.

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