Else Hirsch – Überleben im Versteck

Else Hirsch
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Else Hirsch

Die 1896 in Flensburg geborene Frau entkam 1942 den Judenhäschern in Amsterdam und überlebte den Holocaust in einer Dachkammer

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26. Januar 2015, 18:14 Uhr

Zum Schicksal von Anne Frank gibt es Parallelen, aber auch Unterschiede: Die Flensburgerin Else Hirsch war schon 46, als sie während der deutschen Besatzung der Niederlande gerade noch rechtzeitig vor dem Zugriff der Judenhäscher in Amsterdam in die Illegalität untertauchte. Und im Gegensatz zur Familie Frank wurde sie nicht verraten. Während Anne Frank als junges Mädchen deportiert wurde und im Konzentrationslager Bergen-Belsen starb, überlebte Else Hirsch die Zeit des Nazi-Terrors als sogenanntes „U-Boot“ bis zur Befreiung durch die Alliierten 1945 in einem Versteck – von mutigen Helfern betreut und nach außen hin abgeschirmt. An ihr Martyrium, aber auch an ihre Retter erinnern wir heute anlässlich des Holocaust-Gedenktages.

Else Hirsch (1896 Flensburg bis 1990 New York) hatte 1936 in Amsterdam ein Restaurant mit Pension eröffnet und war damit beruflich in die Fußstapfen der Eltern getreten: Ihr Vater Abraham Elias Hirsch hatte sich in Glücksburg als Gastronom und Hotelier etabliert. Er betrieb ein koscher geführtes Haus, in dem vor allem jüdische Kurgäste etwa aus Hamburg, Berlin und Bremen logierten. In Zeitungsanzeigen warb „Hirsch’s Restaurant“ mit „guter streng religiöser Küche“, „reeller Bedienung“ und „billigsten Preisen“. Nach seinem Tode führte seine Witwe Eva den Gastronomiebetrieb in Hamburg fort.

Als die Nationalsozialisten 1933 in Deutschland die Macht übernommen hatten und ihren antijüdischen Parolen erste Taten folgen ließen, sah die Familie Hirsch für sich keine Zukunft mehr in ihrer Heimat. Elses inzwischen verwitwete Mutter Eva und ihre Geschwister Ernst, Käthe, Frieda und Paula emigrierten in die USA, während Else Asyl in den Niederlanden fand – einem Land, das Tausende von Flüchtlingen aufnahm.

Else Hirsch lässt sich als selbstbewusste, aber umsichtig agierende Frau charakterisieren. Statt sich von Flüchtlingsorganisationen unterstützen zu lassen, baute sie sich selbst eine neue Existenz auf und betrieb in der Beethovenstraat 97 in Amsterdam-Süd zusammen mit einer Bekannten die „Pension Hirsch-Marcus“, ein – wie es in der Werbung hieß – vornehmes jüdisches Haus mit allem Komfort und koscherer Küche. Es waren vor allem Juden, die dieses Haus frequentierten, auch und vor allem solche, die aus Nazi-Deutschland geflohen waren.

In der Nacht zum 10. April 1940 überfiel Hitlers Wehrmacht die neutrale Niederlande. Mit den deutschen Soldaten kamen die Judenhäscher ins Land. Die Verunsicherung unter den Juden – Einheimischen wie Flüchtlingen – war groß. In der ersten Zeit verhielten sich die Besatzer ihnen gegenüber noch zurückhaltend. So konnte Else Hirsch ihre Pension zunächst weiter betreiben. Doch Schritt für Schritt wurden auch in den Niederlanden antijüdische Maßnahmen eingeleitet – über die Kennzeichnungspflicht mit dem gelben Stern bis hin zu Razzien und Deportationen.

Im Mai 1942 erhielt Else Hirsch die Aufforderung, sich zum Transport zu melden. Sie ignorierte diese Anweisung und wählte den Weg in die Illegalität. Fluchtartig verließ sie ihre Wohnung und ihre Pension und ließ ihren Besitz zurück. Unterschlupf fand sie bei Gertrud Stockfisch, einer befreundeten Nichtjüdin, die in der ebenfalls im Süden von Amsterdam gelegenen Speerstraat wohnte. Damit begann für beide Frauen eine Zeit der Angst, Bedrückung, Ungewissheit und Anspannung. Denn beiden – der Beschützerin und dem „U-Boot“ – drohte die Einweisung in ein KZ. Im September 1942 meldete Hanns Albin Rauter, der Höhere SS- und Polizeiführer in den Niederlanden, an Heinrich Himmler, den Reichsführer-SS: „Am 15. Oktober wird das Judentum in Holland für vogelfrei erklärt.“ Das galt auch für Judenretter.

Als Versteck diente eine Dachkammer des Hauses Speerstraat 25, nur gut zwei Kilometer vom bisherigen Zuhause entfernt. Da stets Razzien und Aktivitäten von Judenfängern drohten, traute sich Else Hirsch jahrelang nicht auf die Straße. Rund um die Uhr wurde sie von Gertrud Stockfisch betreut – eine besondere logistische Herausforderung. Nahrungsmittel gab es nur noch auf Lebensmittelkarten. Der Einkauf wurde also geteilt. Dennoch litt Else Hirsch bald an Unterernährung, die zu Erschöpfungszuständen und schwerwiegenden gesundheitlichen Problemen führte. In einem akuten Notfall zog die entschlossene Helferin einen Arzt ins Vertrauen, der der Widerstandsbewegung nahe stand. Bei Eintritt der Dunkelheit schlich sich Dr. Francois Dubois ins Haus, um die Kranke zu behandeln.

Die Familie Hirsch in den USA war im Ungewissen über das Schicksal von Else. Als Mutter Eva 1944 in New York 84-jährig gestorben war, erschien in der deutschsprachigen Emigrantenzeitung „Aufbau“ eine Traueranzeige mit den Namen ihrer Kinder, samt Ortsangaben. Bei Else Hirsch wurde hinzugefügt: „Aufenthalt unbekannt.“ Klarheit erlangten die Hirschs erst Anfang Mai 1945, als alliierte Soldaten das deutsche Besatzungsregime besiegten und die Meldung darüber um die Welt ging: „Die Niederlande sind befreit!“

Für viele kamen die Befreier zu spät. Aus den Niederlanden waren 107  000 Juden deportiert worden, nur 5000 von ihnen kehrten zurück. In der Liste der derjenigen, die in Verstecken den Nazi-Terror überlebten, ist auch der Name von Else Hirsch zu finden. 1946 wanderte sie zu ihrer Familie in die USA aus. 1952 wurde Else Hirsch dort eingebürgert. Ein normales Leben konnte sie nach den albtraumhaften Jahren im Versteck nicht führen. Diese einschneidenden Erfahrungen ließen sie Zeit ihres Lebens nicht mehr los. Dadurch schwer traumatisiert, litt sie unter Schlaflosigkeit, Schweißausbrüchen und Schwindelanfällen. Sie blieb unverheiratet und kinderlos. Zeitweise war sie in ihrem alten Beruf der Gastronomie und Hotellerie tätig.

Else Hirsch erhielt vom deutschen Staat für – wie es in dem Bescheid von 1958 hieß – „erlittenen Schaden an Freiheit“ eine Entschädigung von insgesamt 5400 Mark. Das sind umgerechnet rund fünf Mark für jeden Tag, den sie in der Dachkammer verbringen musste, um den Judenhäschern zu entgehen.

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