Kita-Kinder mit Förderbedarf : Elaine baut Barrieren ab

Medizinisches Wunder: Erzieherin Susi Kobrschitzki ist beeindruckt, dass Elaine (7) trotz ihrer Mehrfachbehinderungen laufen kann.
Medizinisches Wunder: Erzieherin Susi Kobrschitzki ist beeindruckt, dass Elaine (7) trotz ihrer Mehrfachbehinderungen laufen kann.

Die Prognosen waren schlecht für mehrfachbehinderte Elaine – doch jetzt kann die Siebenjährige laufen und entdeckt die Welt. Hat der Umgang mit den Kindern ihrer Kita ihr geholfen? In ihrer Flensburger Kita dürfen so viele behinderte Kinder aufgenommen werden, wie die Erzieher es für richtig halten. Ein Modellprojekt.

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17. Juli 2014, 08:00 Uhr

Flensburg | Vor Elaine ist nichts sicher. Weder Puppe, noch Küchen-Schublade, noch der Fotoapparat. Alle paar Meter entdeckt Elaine etwas anderes, das sie fasziniert. Zumindest für einige Sekunden, dann lässt sie den Gegenstand links liegen und visiert zielstrebig das nächste Ziel an. Es scheint, als hätte Elaine gerade damit begonnen, ihre Umwelt zu erkunden – im Alter von sieben Jahren. Dabei grenzt es an ein medizinisches Wunder, dass sie ihre Umgebung überhaupt in diesem Maße wahrnehmen kann. Denn Elaine ist geistig und körperlich mehrfach schwer behindert. Ärzte machten Elaines Eltern wenig Hoffnung, dass ihre Tochter eines Tages laufen könne.

Davon ist heute nichts mehr zu sehen. „Es ist beeindruckend, wie Elaine sich entwickelt hat“, sagt Susi Kobrschitzki, Erzieherin in der Kindertagesstätte (Kita) Preesterbarg von Adelby 1. Diesen besucht Elaine seit drei Jahren und gehört zur Integrationsgruppe. Vor allem darin liegt für Erzieherin Kobrschitzki das Erfolgsgeheimnis für Elaines Entwicklung versteckt: Die gesetzlich vorgeschriebene Höchstzahl von vier Kindern mit erhöhtem Förderbedarf, sogenannten Integrations-Kindern, gilt in Elaines Gruppe nicht. Dort dürfen sieben der 15 Kinder, die etwa wegen einer Behinderung einen erhöhten Förderbedarf aufweisen, untergebracht sein – zu Testzwecken. Denn Elaines Gruppe ist eine von sechs Modellgruppen der Kitas Adelby (Preesterbarg), Sol-Lie. Kinderkiste und Bullerbü (alle Adelby1), in denen die gesetzliche Regelung vorübergehend aufgehoben wurde. „Dies geht auf eine Sondervereinbarung mit der Stadt und dem Land zurück“, berichtet Adelby 1-Leiterin Brigitte Handler.

Doch damit gab sie sich nicht zufrieden. Mit Erfolg: Ab dem 1. August darf jede Gruppe in den vier genannten Kitas so viele Integrations-Kinder aufnehmen, wie es die Erzieher für sinnvoll erachten. Bislang sieht es wie folgt aus: Ist die gesetzlich festgelegte Anzahl von Kindern mit erhöhtem Förderungsbedarf in einer regulären Gruppe erschöpft, bilden diese Kinder separate Klein-Gruppen. In eine solche wäre auch Elaine gekommen, wenn es nicht die Modellgruppen gegeben hätte. „So dienten ihr die anderen Kinder als Vorbild, an denen sich Elaine orientierte und die sie unterstützten“, berichtet Kobrschitzki. „Umgekehrt entwickeln die anderen Kinder erst gar keine Berührungsängste, für sie ist Elaine ganz normal.“

Ganz normal sollen auch die Gruppengrößen während der zweiten Modellphase ab August bleiben – die Höchstzahl von 15 Kindern pro Gruppe bleibt unverändert bestehen. Handler: „Endlich ist dann entscheidend, was gut für die Kinder ist und nicht, was die veralteten Gesetze an Spielraum lassen.“

Zumindest zwei Jahre lang, denn auf diesen Zeitraum haben Stadt und Land die Testphase begrenzt. „Unser Ziel ist aber, dass aus dem Test der Dauerzustand wird“, sagt Handler. Andernfalls steht Adelby 1 vor einem Problem: Das Unternehmen hat in den vergangenen zwei Jahren die Kitas Adelby, Sol-Lie, Kinderkiste und Bullerbü für rund 450.000 Euro umbauen und zum Teil erweitern lassen. In erster Linie wurden die Gruppenräume im Hinblick auf die bevorstehende Modellphase vergrößert um umgestaltet. „Das war nötig, damit alle Kinder genügend Platz haben“, verteidigt Handler die Bau-Maßnahmen, die der Bund mit 239 000Euro und die Aktion Mensch mit 67.000 Euro unterstützte. Viel Geld, das in Handlers Augen sinnvoll investiert ist. „Deutschland hat sich durch Unterzeichnen der UN-Behindertenrechtskonvention indirekt selbst zu solchen Schritten verpflichtet.“

Und dennoch befürchtet die Adelby1-Leiterin, dass der Staat seiner Pflicht nicht nachkommt, Behinderte gleichermaßen am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu lassen wie Bürger ohne Behinderung. Es gebe noch viel zu tun bei der Umsetzung der UN-Konvention, etwa Barrieren abzubauen und Mitarbeiter entsprechend zu schulen, findet Handler. Der Staat schaffe es aus finanziellen Gründen nicht, dieser Aufgabe gerecht zu werden. „Daher hoffe ich, dass Stiftungen in die Bresche springen.“ Zudem müsse zwingend das Kita-Gesetz in Schleswig-Holstein überarbeitet werden. „Das ist 20 Jahre alt und völlig veraltet.“ Noch lieber wäre Handler es, wenn ein bundesweites Kita-Gesetzes eingeführt würde, um von Flensburg bis München die gleichen Rahmenbedingungen zu schaffen. Bis es soweit ist, hat Elaine die Kita schon lange verlassen. Doch es ist nicht zuletzt ihr Schicksal, das Adelby-1-Leiterin Brigitte Handler und ihren Mitarbeitern Hoffnung macht, ihren eingeschlagenen Weg fortzusetzen.
 

Die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen (UN) ist ein völkerrechtlicher Vertrag. Dieser füllt die  Menschenrechte für die Lebenssituationen behinderter Menschen mit Leben, um ihnen die gleichberechtigte Teilhabe beziehungsweise Teilnahme am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen. Deutschland hat die Konvention im März 2009 unterschrieben.
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