Stadtgeschichte : Einmalig: Flensburger Straßennamen

Am Munketoft wird heute studiert statt geangelt. Sean Lehmann studiert BWL und wohnt in den Studentenapartments.
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Am Munketoft wird heute studiert statt geangelt. Sean Lehmann studiert BWL und wohnt in den Studentenapartments.

Was die Bezeichnungen über die Stadt und ihre Geschichte erzählen

shz.de von
05. April 2018, 06:58 Uhr

Straßennamen sind ein Stück kaum wahrgenommener Stadtgeschichte. Allerdings lassen sich aus diesen überall vorhandenen Zeitzeugen interessante Erkenntnisse über die eigene Stadt gewinnen. Wenn man mit Hilfe der – von Zeit Online programmierten – Datenbank auf Straßennamen in Deutschland etwas genauer schaut, zeigt sich, dass es in Flensburg nicht wenige Straßennamen gibt, die in Deutschland einzigartig sind.

Dazu zählen etwa „Zur Exe„“ oder die „Kleine Exe“. Ihren Namen erhielten die beiden Straßen durch das Exerzieren der Soldaten. Es gibt etliche solcher Plätze in deutschen Städten, nur mit dem feinen Unterschied: die heißen „der Exer“. Flensburg hat die „Exe“.

Die „kleine Exe“ hieß früher Ratsherrenlücke. Auf ihr stand der „Vogelbaum“, an dem alljährlich seit 1548 das Pfingstschießen der Schützengilden stattfand. Die seit dem 12. Jahrhundert existierende Knudsgilde nutzte ihn schon früher für diesen Zweck.

Der Name „Munketoft“ gibt Auskunft über die einstigen Eigentumsverhältnisse in der Südstadt. Wie Dieter Pust in seinem Buch „Flensburger Straßennamen“ erläutert, bedeutet der Name der Straße „Mönchsfeld“, was sich aus dem einstigen Besitz der Franziskaner-Mönche (Kloster zum Heiligen Geist) erklärt. Der eigentliche Weg wurde im 16. Jahrhundert für den Statthalter des Königs, Peter Rantzau, angelegt, damit dieser über die enge Stelle des Mühlenteiches seinen Angelplatz erreichen konnte.

Der „Grönlandgang“ erhielt seinen Namen im Jahr 1913 im Gedenken an die Grönlandfahrer der Stadt – 50 Jahre, nachdem die letzten von ihnen auf Wal- und Robbenfang gingen und dabei oft Leib und Leben riskierten. Ihre Anfänge hatten die hiesigen Fangunternehmungen im beginnenden 18. Jahrhundert und bestanden bis 1863, wobei die letzte Tranbrennerei der absteigenden Branche im Grönlandgang stand.

Ein Teil des Stadtbildes, das im Laufe der Zeit völlig verschwunden ist, aber einer Straße den Namen gab, ist der Trollsee. Der 1768 erstmals verzeichnete See verschwand – verlandet und zugeschüttet – schließlich bis 1949. Dass dieser Name einzigartig ist, zeigt den Einfluss, den die geographische Nähe Skandinaviens auf das Denken der Menschen gehabt hatte. Ist der Troll heute in Zeiten von „Herr der Ringe“ zwar jedem ein Begriff, so hat er seine Wurzeln in der nordischen Mythologie.

Die Norderhof- und Süderhofenden waren einst die Enden der Kaufmannshöfe, die an Holm und Großer Straße begannen. Diese Endgrundstücke wurden vielfach als romantische Gärten gestaltet. An ihnen entlang und am Ufer des Mühlenstroms entstand eine beliebte, baumbestandene Promenade, die immer wieder Dichter und Stadtpoeten inspirierte.

Auch über bedeutende Persönlichkeiten der Stadt geben Straßennamen Aufschluss. Heute kommt zumindest noch jeder Schüler mit dem Vermächtnis des Namensgebers der Thomas-Fincke-Straße (auf dem Campus) in Kontakt. Dennoch ist keine andere Straße in Deutschland nach ihm benannt. Der Sohn einer bis 1377 nachzuweisenden, angesehenen Flensburger Familie studierte in Straßburg, Heidelberg und Leipzig Mathematik, Astrologie, Rhetorik und Philosophie. 1583 veröffentlichte er im Alter von 22 Jahren sein erstes Werk „Geometriae Rotundi“, das zum Standardwerk bis ins 18. Jahrhundert wurde. In ihm führte Fincke noch immer aktuelle mathematische Begriffe wie „Sekante“ und „Tangente“ ein.

Sowohl auf dem Flensburger Hochfeld als auch in Kauslund sind die Straßen nach berühmten Flensburger Bürgerinnen benannt. Ob Emmy Ball-Hennings, Ina Carstensen oder Beate Rotermund, besser bekannt als Beate Uhse, alle von ihnen waren starke Frauen und Pioniere auf ihrem Gebiet. Emmy Ball-Hennings war neben ihrer Tätigkeit als Kabarettistin und Schriftstellerin auch Mitbegründerin des „Cabaret Voltaire“ in Zürich, das als Geburtsstätte der künstlerischen Strömung des Dadaismus gilt.

Ina Carstensen war als Schulrätin 1948 die erste Frau, die für ein leitendes Amt in den Magistrat der Stadt Flensburg gewählt wurde. Ihre Domäne wurde der Schulbau, den sie nach der Vorstellung betrieb, dass die Schule nicht nur ein Ort bloßer Wissensvermittlung, sondern auch „ein Lebensraum für die Heranwachsenden“ sein sollte, wie Dieter Pust in seinem Buch erläutert. Ihr Wirken zeigte sich im Anbau der Waldschule, dem Neubau der Löhmann-Schule, der Mädchen- und Knabenberufsschule, der Volksschule Fruerlund, der Käte-Lassen-Schule, der Volksschule in Weiche, der Rude-Schule und der Pestalozzi-Sonderschule.

Nimmt man sich also etwas Zeit, zeigen sich die Hinweise und Spuren eines vergangenen, im Wandel begriffenen Flensburgs, das im Vergleich zu anderen deutschen Städten eine gute Portion eigenen Charakter besitzt.

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