Rote Strasse : Eine Reise in vergangene Zeiten

Kreative Deko im Blumenhof.
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Kreative Deko im Blumenhof.

Von Juli bis August: Jeden Dienstag findet eine historische Führung in der Roten Straße statt. Es ist eine Erkundungstour durch „Flensburgs Schmuckkästlein“.

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26. Juli 2015, 09:00 Uhr

Flensburg | Als die etwa 20-köpfige Gruppe sich vor dem ältesten Profanbau der Stadt, der Nikolai-Apotheke am Südermarkt versammelt hat, hört man den 15 Uhr Glockenschlag der benachbarten Kirche. Stadtführerin Ruth Rolke muss zu allererst aber mit einem Fehler aufräumen: „Die Rote Straße hieß früher Rude Straat – und ,Rude‘ bedeutet Rodung. Der heutige Name ist leider ein Übersetzungsfehler.“ Nachdem das geklärt ist, nimmt sie die Gruppe mit auf eine Zeitreise, die vom Mittelalter bis in die jüngste Vergangenheit führt: Die Tour durch Flensburgs schönste Straße lädt ein, in Erinnerungen zu schwelgen, an bessere, schlechtere oder einfach andere Zeiten.

Sie erzählt von bekannten Bewohnern der Straße, wie dem urigen „Hein Amerika“, oder vom Verkehrsunglück eines Lastwagens, das die Patienten im Wartezimmer eines Arztes das Leben kostete. Vor allem aber erzählt sie von den Familien, die hier gelebt haben, und der wechselhaften Geschichte ihrer Häuser.

„Früher war hier gar nichts grün, in den 1960-er Jahren wurden die Hinterhöfe sogar asphaltiert“, empört sich die Stadtführerin. Heute sieht man davon glücklicherweise nichts mehr, die Gebäude und Flächen wurden von Geschäftsleuten und Anwohnern liebevoll restauriert und aufgehübscht.

In den malerischen Hinterhöfen, die den Vorbeieilenden verborgen bleiben, berichtet Ruth Rohlke deshalb viel von Günter Kruse, dem „Vater der Roten Straße“, den sie auch persönlich kannte. Der 2008 verstorbene Künstler und Philanthrop hatte im Hinterhof seiner Galerie die Verschönerung der damals rumpeligen Straße angestoßen. „Dat schmiet mal nich wech, dat bruk ich noch“, soll er oft genug gesagt haben, und hat aus dem „Kruse Hof“ mit gesammelten Gasleitungen, Holzresten und Sperrmüll ein Kleinod geschaffen.

Doch auch die anderen Höfe laden zum Entdecken und Erschmecken ein: Der Blumenhof mit seinen prächtigen Beeten etwa, in dem sich die Polsterei Petersen befindet, deren über 80-jähriger Besitzer immer noch jede Woche zur Arbeit erscheint. Oder der Rote Hof mit seiner gemütlichen Gastwirtschaft und den griechischen Wandverzierungen. Oder der Sonnenhof mit seiner Feng Shui-Anlage und der Kaffeerösterei Tunger, die dem Einheitskaffee aus der Industrie mit feinen Eigenkreationen entgegentritt.

Hinter dem Braasch–Haus verstecken sich dann sogar gleich zwei Hinterhöfe und ein Rum-Museum. Hier erfährt man Interessantes über die Geschichte der Rumproduktion und den Handel. Denn die Versorgung mit Schnaps war immer schon wichtig: Über 20 Kneipen gab es früher an der Straße zwischen dem Südermarkt und dem nicht mehr existierenden „Roten Tor“ am heutigen Seniorenheim Klosterhof. „So konnte der Bauer sich erst einmal einen genehmigen während der Knecht zum Verkaufen auf den Markt geschickt wurde“, scherzt Rohlke.

Müde von der Erkundungsrunde wird man am Ende der fast zweistündigen Führung und den vielen interessanten Geschichten und Anekdoten noch einmal überrascht: Mit einem Glas feinen Rums in der Hand wartet das Team des Weinhauses Braasch auf fußmüde Entdecker und lädt zu einer entspannten Verkostung ein.

Die Führung startet dienstags um 15 Uhr vor der Nikolai-Apotheke und kostet 7 Euro pro Person.

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