Flensburg : "Eine Katastrophe für die Innenstadt"

Die Lichter dürfen nicht ausgehen. Mitarbeiter entzündeten 700 Kerzen vor dem Warenhaus am Holm. Foto: Dommasch
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Die Lichter dürfen nicht ausgehen. Mitarbeiter entzündeten 700 Kerzen vor dem Warenhaus am Holm. Foto: Dommasch

In Flensburg wurden 700 Kerzen vor dem Warenhaus Karstadt entzündet für Mitarbeiter und Angehörige. 1000 Unterschriften von solidarischen Kunden kamen gestern hinzu.

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09. Juni 2009, 12:18 Uhr

Flensburg | Im Jahre 1969 verkaufte er Schallplatten in der Hertie-Passage. 50 Pfennig kostete eine Single damals. Heute ist Siegfried Hufnagel in seinem 40. Jubiläumsjahr Herr über die Multimedia-Abteilung bei Karstadt in Flensburg. Und morgen - arbeitslos?

Die Zukunft Hufnagels ist genauso unsicher wie die der anderen 200 Mitarbeiter der Filiale am Holm. "Das tut richtig weh", sagt das Urgestein des Hauses mit Blick auf die drohende Schließung. Viele Höhen und Tiefen habe er erlebt, "aber so etwas musste ich in meiner Laufbahn noch nicht mitmachen". Und an die Adresse der Bundesregierung: "Wenn sie Opel retten, dürfen sie uns erst recht nicht hängen lassen."

Karstadt-Geschäftsführer Karl-Heiner Schmidt (60) hält schon seit 17 Jahren die Stellung. Jetzt kommt er kaum noch weg von seinem PC. Via Internet hält er sich über die Entwicklung auf dem Laufenden, E-Mails der Konzernleitung laufen ständig ein. Es sind Wechselbäder, mit denen Schmidt leben muss. Unterschiedliche Nachrichten, widersprüchliche Aussagen von Politikern. Da heißt es plötzlich: Die Karstadt-Mutter Arcandor habe sich mit der Metro-Gruppe geeinigt. Aufatmen in der Belegschaft. Wenig später das Dementi. Und gestern die Hiobsbotschaft: Der Bund lehnt den so dringend benötigten Rettungskredit ab.
10000 Kunden hat Karstadt täglich
Ein Zusammengehen mit Galeria-Kaufhof kann sich Schmidt durchaus vorstellen. "Das Konzept würde gut passen." Im Zuge dessen würde er sogar eine Erweiterung der 11 000 Quadratmeter Verkaufsfläche zum Zob hin erwägen. Nur das Gespenst der Insolvenz - das wollen sie alle abschütteln.

Immer wieder verweist Schmidt darauf, dass Karstadt in Flensburg wirtschaftlich gesund sei. Verweist auf die Ausstrahlkraft vom Kanal bis hin ins deutsch-dänische Grenzgebiet. 10 000 Kunden täglich. Karstadt, das City-Flaggschiff, der größte Frequenzbringer für den innerstädtischen Einzelhandel, das Herz der Einkaufsstadt Flensburg. Und er freut sich darüber, dass, wie Oberbürgermeister Tscheuschner ihm zugesichert hat, die Stadt alle Maßnahmen unterstützen werde, die dem Erhalt des Hauses dienen. "Ich bin überzeugt davon, dass über 50 Prozent dieser Klientel die Innenstadt nur unseres Warenhauses wegen besuchen." Hannelore Groteloh (63) ist eine solche Kundin: "Unvorstellbar", sagt sie, "die Innenstadt ohne Karstadt."

Vor dem Haupteingang und an allen Kassen werden fleißig Unterschriften gesammelt. Niemand muss überredet werden. "Alle sind total mitfühlend", sagt Abteilungsleiterin Monika Wild. "Der Zuspruch motiviert uns. Das ist ein schönes Gefühl."
Spielräume hinter den Kulissen?
Gestern reiste Flensburgs Oberbürgermeister Klaus Tscheuschner nach Berlin. Mit ihm etwa die Hälfte aller bundesdeutschen Bürgermeister von Städten mit Karstadt-Standorten – insgesamt eine Delegation von 35 besorgten Stadtoberhäuptern, die Bundesminister Wolfgang Tiefensee im Beisein von Arcandor-Vorstand Stefan Herzberg einen Appell an Banken, Eigentümer und Vermieter überbrachten – mit der Forderung, die bedrohten Filialen nicht im Regen stehen zu lassen. „Es geht auch um den Respekt vor Mitarbeitern, die bereit sind, durch Gehaltsverzicht 345 Millionen Euro einzusparen.“ Er habe das Gefühl, dass sich hinter den Kulissen noch Spielräume auftun würden. (gudo)


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