Facebook : Eine gute Initiative – zerstört durch soziale Netzwerke

Sie helfen Flüchtlingen in Flensburg: Die Gruppe um Reiner Rademacher (vorne, 2.v.r.), eröffnet im Februar eine Begegnungsstätte.
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Sie helfen Flüchtlingen in Flensburg: Die Gruppe um Reiner Rademacher (vorne, 2.v.r.), eröffnet im Februar eine Begegnungsstätte.

Die Flüchtlingshilfe Flensburg wurde im Oktober 2014 von Reiner Rademacher und einer Kollegin, die anonym bleiben möchte, ins Leben gerufen. Die Facebook-Gruppe wurde nach drei Monaten wegen Beleidigungen geschlossen.

shz.de von
30. Januar 2015, 08:00 Uhr

Flensburg | Menschen zu helfen, die ihr Heimatland aus verschiedenen Gründen verlassen haben – das ist das Ziel von Reiner Rademacher und seiner Kollegin, die aus Angst vor Repressalien nicht genannt werden möchte. Die beiden gründeten die Flüchtlingshilfe Flensburg und riefen eine Facebook-Gruppe mit demselben Namen ins Leben. Über die Gruppe fanden sie schnell Gleichgesinnte, die sich für Zugewanderte einsetzen wollten. Doch diese gute Idee ist schnell Opfer der „Gepflogenheiten“ in sozialen Netzwerken geworden.

Alles begann im Oktober. Reiner Rademacher sah damals Bilder über die Flüchtlingslage in der Türkei und war bestürzt über die Situation vor Ort. „Da müsste man doch etwas machen können“, sagte er sich. Sofort begann er, sich über das Thema zu informieren, unter anderem bei Facebook. Er fragte die Mitglieder des Netzwerks, ob es in Flensburg eine Einrichtung gebe, die Flüchtlinge unterstützt. Es dauerte nicht lange, bis sich seine Kollegin bei ihm meldete und wissen wollte, was er mit seiner Frage bezweckte. Als die beiden ihre gemeinsamen Ansätze erkannten, entstand die Flüchtlingshilfe und wenig später die gleichnamige Facebook-Gruppe. Die Initiative kam bei den Menschen gut an. „Innerhalb eines Wochenendes hatten wir 80 Mitglieder“, erinnert sich Rademacher. Die Zahl stieg bis Ende Januar auf 230 Mitglieder an. Schnell wurde der Wunsch nach einem Gruppentreffen laut und Rademacher organisierte ein Treffen im Diakonischen Werk. Alle überlegten, wie den Flüchtlingen geholfen werden könnte. Da Sachspenden nicht infrage kamen („Die Behörden werden damit überhäuft“), beschlossen sie, den Integrationslotsenpool von Peter Rohrhuber von der Koordinierungsstelle für Integration der Stadt zu unterstützen. Deren ehrenamtliche Aufgabe besteht darin, Zugewanderten bei der Orientierung in Flensburg sowie bei Alltagsfragen zu helfen. Auch Dolmetscher werden noch gesucht.

Die Idee der Flüchtlingshilfe schlug große Wellen in der Stadt und auch die zukünftigen Pläne wurden konkreter. Doch die positive Stimmung unter der Gruppenmitgliedern währte nicht lange. Sie trübte sich durch Alleinaktionen einiger Mitglieder, die zum Beispiel ohne Absprache Sachspenden zu den Zugewanderten brachten. Zu einer weiteren Diskussion führte die Vorgabe, dass sich nur parteilose Menschen der Gruppe anschließen dürfen. „Mir wurde vorgeworfen, dass ich Leute ausschließe“, sagt Rademacher. Dabei wollte er nach eigener Aussage verhindern, dass politische Inhalte die ehrenamtliche Arbeit beeinflussen. Auch Beschuldigungen, dass sich die Gründer nur bereichern wollen, kamen auf. Als Beleidigungen gepostet wurden, sah sich Rademacher gezwungen, einige aus der Gruppe auszuschließen. Das Fass zum Überlaufen brachte jedoch ein Fehler von Rademacher, der in einem Gruppen-Newsletter die 60 E-Mail-Adressen der Mitglieder öffentlich zeigte. Auch eine sofortige Entschuldigung ließ die Diskussion um den Datenschutz nicht verstummen. Als die Beleidigungen weitergingen, beschlossen die beiden Gründer, die Gruppe endgültig zu löschen.

Die Arbeit der Flüchtlingshilfe ist damit jedoch nicht zu Ende. Rademacher hat eine Internetseite mit Infos zur Initiative erstellt. Interessierte können sich dort über ein Formular bei ihm melden. „Am 18. Februar wollen wir eine Begegnungsstätte eröffnen“, erzählt er. In den Räumen der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde an der Bismarckstraße können Kinder spielen, während Eltern zum Beispiel Deutsch lernen. Die 18 ehrenamtlichen Helfer, die sich noch für die Flüchtlingshilfe einsetzen, werden auch in Zukunft die Zugewanderten als Integrationslotsen begleiten. Aufgeben möchte Rademacher sein Projekt nicht: „Wir sind in ganz Flensburg bekannt, es ist eine gute Sache.“

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