zur Navigation springen
Flensburger Tageblatt

16. August 2017 | 23:52 Uhr

Eine Frau mit vielen Facetten

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Bärbel Reetz stellt ihr neues Buch über die Flensburger Künstlerin Emmy Ball-Hennings vor

Ruhig ist es um die gebürtige Flensburgerin Emmy Ball-Hennings (1885 – 1948) schon lange nicht mehr. In den vergangenen 17 Jahren wurde aufgearbeitet, was lange Zeit von diesem Enfant Terrible der deutschen Avantgarde und Dada-Szene in Vergessenheit geraten war.

Neben dem Essay des Schweizer Publizisten René Gass von 1998 sowie einer gemeinsamen Ausstellung des Züricher Museum Strauhof und dem Flensburger Museumsberg 1999, beschäftigte sich vor allem Bärbel Reetz mit Emmy Hennings. „Sie ließ mich nicht mehr los“, erzählt die freie Journalistin und studierte Germanistin, die in Berlin lebt, in der Flensburger Stadtbibliothek. Dorthin war sie gekommen, um ihr neuestes Werk aus diesem Herbst vorzustellen: über das Paar Emmy Hennings und Hugo Ball – „Das Paradies war für uns“.

Noch einmal 477 Seiten über die Person, der sie bereits 2001 eine Biografie (Leben im Vielleicht) und 2003 ein Buch über den Briefwechsel mit Hermann Hesse gewidmet hatte – „...weil ich nicht glauben mochte, was über diese Autorin in Enzyklopädien und Lexika steht.“ Dort bekommt man lediglich den Hinweis auf die Herausgabe von Werken Hugo Balls durch seine Witwe Emmy Ball-Hennings.

Reetz wusste aber durch ihre Arbeit an der Biografie, dass die Hennings nach ihren Auftritten als Sängerin und „Diseuse“ in Kabaretts selbst Bücher veröffentlicht hatte: Gedichtbände und autobiografische Romane, „Gefängnis“ und „Das Brandmal“- nach Reetz die wichtigsten.

In ihrem neuesten Buch nun flicht die Wissenschaftlerin ein Band um das ungleiche Paar Hennings und Ball, das gemeinsam zu Schriftstellern heranreift. Mit ihm, dem Dramaturgen, politischen Denker und Hesse-Biografen, lässt Emmy Hennings nach und nach ihre wilden Zeiten hinter sich, in denen sie auch süchtig nach „Morfin“ war. Dass sich wieder einmal eine Veränderung in ihrem draufgängerischen Leben anbahnt, ahnt man bereits 1911 als sie zum Katholizismus konvertiert. Die Gelegenheits-Prostituierte mit Gefängnis-Erfahrung und Liebhaberin einer schier unübersehbaren Zahl bedeutender Avantgarde-Künstler der Berliner und Münchner Bohème sucht nach einem neuen Halt. Zuletzt findet sie ihn in Ball, dem ruhigen Intellektuellen mit dem mönchhaften Aussehen. Sie glaubt, „dass dies der Mann war, mit dem ich beten konnte“.

Schon immer war ihr Leben das Interessanteste an Emmy Hennings. Darum erzählt Bärbel Reetz es einfach noch einmal: von der provinziellen Enge als Tochter eines Flensburger Taklers, dem Ausbruch mit einem Wandertheater, der kurzen, frühen Ehe und Mutterschaft und ihrer „Weglaufsucht“, durch die sie auf der Straße landet und in modernsten Künstlerkreisen, deren Ansätze bis heute radikal erscheinen.

Schließlich kommt sie auf die gemeinsame Zeit mit Ball als Dada-Begründer und den Rückzug mit ihm in das ländliche Tessin zu sprechen. Stärker als in ihren vorherigen Veröffentlichung geht Reetz auf Hugo Ball ein, zeichnet seine Vita parallel zu der von Hennings und behandelt die Zeit, die das Paar gemeinsam verlebt. Beide wenden sich verstärkt dem Katholizismus zu und schreiben Bücher. Häufig zitiert Reetz aus den Schriften Hennings, jedoch nicht, um sie literarisch zu untersuchen, sondern abermals in der Absicht, das Leben der Verfasserin besser verständlich zu machen. Gedichtzeilen, sehr expressionistisch anmutend, werden eingeflochten. Die schönsten dürfen nicht fehlen: „Ich bin so vielfach in den Nächten/ Ich steige aus den dunklen Schächten/ Wie bunt entfaltet sich mein Anderssein (…) Vielleicht geht ein Gedicht in ferne Weiten/ Vielleicht verwehen meine Vielfachheiten,/ Ein einsam flatternd, blasses Fahnentuch.“ Zweifelnd, unbeständig, aber zu starkem Ausdruck fähig – das ist die Anmutung der Texte von Ball-Hennings.

Bärbel Reetz lässt sie geschickt einfließen. Das neue Buch ist ihr bisher dichtestes über Emmy Ball-Hennings. So lange schon forscht sie über diese Frau, hat den nötigen Abstand, um alle Informationen in klare Zusammenhänge zu rücken. Der Anspruch, Hennings als Autorin gerecht zu werden, bleibt allerdings wieder auf der Strecke. Eine Werkausgabe der wiederentdeckten Künstlerin, so verriet Bärbel Reetz in Flensburg, sei in der Schweiz in Planung. Da wird es wohl noch viele „Vielfachheiten“ zu lesen geben.


Bärbel Reetz: Das Paradies war für uns. Emmy Ball-Hennings und Hugo Ball, Insel Taschenbuch, erschienen 09/2015, 16,99 Euro



zur Startseite

von
erstellt am 10.Dez.2015 | 19:06 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen