zur Navigation springen
Flensburger Tageblatt

21. Oktober 2017 | 09:43 Uhr

Eine Frau, ein Flügel und viel Meer

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Anna Depenbusch verzaubert mit ungewöhnlichen Geschichten und Gesang beim Schleswig-Holstein Musik Festival

Nach dieser Zugabe verbietet sich jedes weitere Lied. Das sieht Anna Depenbusch offenbar genauso und lässt keinen Zweifel, dass sie danach schnell von der Bühne verschwindet und am anderen Ende der Werfthalle hinterm CD-Stand wieder auftauchen wird, um dort auch über ihr Lied „Benjamin“ Rede und Antwort zu stehen. Es ist gewissermaßen der Höhepunkt dieses Konzerts beim Schleswig-Holstein Musik Festival. Mit dem sich unzweideutig zum Stöhnen steigernden „Benjajajajajamin“ erzählt Anna Depenbusch vom Nachbarn, der jetzt eine Neue hat, und das hört sie durch die Wand. Davor war sie in ihn verliebt, doch: „Es kam vom Alltagswahn, dass wir uns mit anderen Augen sahen.“ Mit der Neuen wird es genauso kommen – aber wenigstens gut für die Erzählerin.

Oft schlichte Geschichten wie sie der Alltag für jeden schreibt, erzählt die Liedermacherin aus Hamburg. Nur mit Tasten und Stimme, doch mit Worten, wie sie selten so zusammen stehen. Und mit Pointen, die, ob witzig oder weise, in jedem Fall amüsieren, berühren, faszinieren. „Die Menschen, die ich liebe, erkenne ich am Geruch“, singt Depenbusch, „lachen und leiden, verlassen und bleiben“ oder „Engel brauchen keinen Schlaf“. Hell und klar, schnörkellos, gehaucht oder energisch, auf Melodien, von denen manche länger im Ohr bleiben. Volkstümlich klingt Manches gar, unerwartet für eine Pianistin des Jahrgangs 1977, fröhlich Vieles, klug beobachtet: alles. „Tim liebt Tina“ ist unschlagbar clever gedichtet über zwei bis drei Liebende und ihre Schnittmengen. Liebeslieder sind die Königinnen-Disziplin der Depenbusch und Blues bis Walzer nur zwei der stets passenden Hüllen.

Sie sitzt seitlich am Flügel auf der Bühne. Doch wann immer es geht, wendet sie sich ab vom Mikro und ihren Blick frontal zu den 600 gut gekleideten und wohl erzogenen Gästen in der ausverkauften Halle der Robbe- und Berking-Werft, deren Wände mit Schiffigem gesäumt sind. Eigentlich beschreibt sich Anna Depenbusch als Winter-Typ und Landratte. Damit heimst sie noch mehr Sympathien bei Nicht-Seglern ein, die auch lieber vom Festland aus den Seebären zuwinken als selbst auf See zu sein. Doch zugleich ist ihr viertes Album „Sommer aus Papier“ ein sonniges Werk. Und zugleich liebt sie das Meer und kann sich erst recht nicht dem zauberhaften Ambiente an der Wasserkante entziehen. Zu späterer Stunde bauschen sich die Wolken auf und färben sich meeresblau, und das Zelt vor der Werfthalle strahlt besonders schön in Violett.

Da branden die dichten Klangorganismen vom Flügel besonders wirksam auf. Da passt ihre Geschichte von der Ukulele, die für sie unverzichtbar ist (für manchen Zuhörer schon), besonders gut dazu, weil das kleine Saiteninstrument überall an Bord Platz findet – anders als ihr Tasteninstrument.

Anna Depenbusch darf alles, schon nach dem ersten Song. Auch pfeifen und das Publikum mitpfeifen lassen und es anregen, dabei durchaus eine Melodie erkennen zu lassen. Oder die Männer um den Finger wickeln und sie bitten, ihrer Natur gerecht zu werden und „Hey Cowboy“ mitzusingen. Oder die Schlüssel rauszuholen und beim Tango von „Madame Cliquot“ einmal im Takt zu rasseln. Und eben einem Klassik-Festival ein bisschen Erotik einzuhauchen. Aber erst zum Schluss, wenn alle sie schon mögen.

Karte
zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen