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Flensburger Tageblatt

19. Oktober 2017 | 13:52 Uhr

Schleswig : Eine deutsch-israelische Liebe

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Claudia Schwartz wuchs in Angeln auf und erzählt in ihrem ersten Buch vom Leben zwischen zwei Kulturen.

shz.de von
erstellt am 12.Jun.2017 | 11:33 Uhr

Schleswig | Hinter Claudia Schwartz liegen emotionale Tage und Monate. Die 33-Jährige hat gerade in Berlin ihr erstes Buch „Meschugge sind wir beide“ vorgestellt. Dass es einmal so weit kommen würde, hätte die Schauspielerin, die in Angeln aufgewachsen und in Flensburg zur Goethe-Schule gegangen ist, niemals gedacht. „Ich wollte die Geschichte für unseren Sohn Daniel aufschreiben, aber eine Veröffentlichung habe ich nie geplant“, erzählt sie. Dabei ist das, was Claudia Schwartz zu erzählen hat, nicht nur eine Liebesgeschichte, sondern auch eine Reise in die Vergangenheit zweier Familien, die nicht unterschiedlicher sein könnten: Sie wurde in Schwaben geboren und ist katholisch – ihr Mann Shaul Bustan ist Komponist, stammt aus Israel und ist jüdisch, ihr Großvater war Wehrmachtssoldat – sein Großvater hat den Holocaust überlebt.

Bereits zu Beginn ihrer Beziehung war die Vergangenheit ein Thema. Gegenseitig erzählten sie sich von ihren Großeltern. Da ging es zum Beispiel um Shaul Bustans Großvater Perez: Seine Familie lebte zur Zeit des Zweiten Weltkriegs in Rumänien. „Die sechsköpfige Familie beschloss, aus Rumänien nach Ungarn zu fliehen.“ Nahe der Grenze kam es dann zur Katastrophe. „Es gab einen Schusswechsel, und die Familie wurde getrennt“, weiß Claudia Schwartz. Shaul Bustans Großvater (13) und dessen kleiner Bruder mussten sich alleine durchschlagen – Hunger und Angst seien ständige Begleiter gewesen. Was dann geschah, daran erinnert sich Perez Bustan nicht mehr richtig. „Er muss von deutschen Soldaten aufgegriffen worden sein“, sagt Claudia Schwartz. Er wurde nämlich ins Konzentrationslager Dachau gebracht. Vermutlich musste er auch im Außenlager Allach als Zwangsarbeiter für BMW arbeiten, das war 1944. „Er muss extreme Dinge und Gewalt erlebt haben“, erklärt Claudia Schwartz seinen Gedächtnisverlust.

Einen Groll gegen die Deutschen habe er jedoch nie gehegt. „Er hat mich mit offenen Armen empfangen“, erinnert sich die 33-Jährige. Das Zusammentreffen mit der deutschen Partnerin des Enkels habe so manche verschüttete Erinnerung wiedergebracht. Bei einem gemeinsamen Familienessen habe er sogar angefangen Deutsch zu sprechen. „Und keiner hat gewusst, dass er das überhaupt kann.“ Diese Begebenheit sei auch ein Anstoß gewesen, die Vergangenheit weiter zu erforschen.

Erst vor Kurzem ist Perez Bustan nach Deutschland gereist. „Wir waren gemeinsam in Dachau, um etwas Licht ins Dunkel zu bringen. Das waren sehr emotionale Tage.“ Zum ersten Mal waren vier Generationen vereint auf den Spuren der Vergangenheit, denn auch Perez Bustans Sohn Eatan, Enkel Shaul und Urenkel Daniel waren mit dabei. „Diese Reise hat uns alle sehr bewegt.“

Auch Großvater Fritz war ein Thema zwischen den beiden. Der Vater von Claudia Schwartz’ Mutter war Wehrmachtssoldat. Mit 19 Jahren meldete er sich freiwillig. Er war in Frankreich und Nordafrika im Einsatz und erlebte die Invasion der Alliierten in der Normandie. In den Ardennen wurde er schließlich schwer verletzt. „Das änderte plötzlich seine Einstellung. Als er wenig später an die Ostfront sollte, ist er desertiert“, sagt Claudia Schwartz.

In „Meschugge sind wir beide“ geht es jedoch nicht nur traurig zu. Mit viel Selbstironie und einem Augenzwinkern erzählt Claudia Schwartz vom ersten Kennenlernen, von einem romantischen Heiratsantrag, vom Leben zwischen zwei Kulturen und davon, dass die Vergangenheit nicht die Gegenwart beeinflussen muss. „Wir sind einfach Claudia und Shaul. In unserer gemeinsamen Familie gibt es Holocaustüberlebende und Wehrmachtssoldaten.“ Beide Kulturen gehören zum Alltag des Paares. Konvertieren kam nicht in Frage. „Wir sind zwei Individuen. Wir leben beides.“ So ist es nur konsequent, dass Claudia Schwartz und Shaul Bustan auch drei Mal heirateten: standesamtlich, katholisch und jüdisch.

Mit dieser Einstellung landete das Ehepaar vor rund zwei Jahren im Morgenmagazin des ZDF. Thema: deutsch-israelische Freundschaft. Und so kam es dann zu dem Buch, das Schwartz niemals geplant hatte. „Der Verlag hat sich bei mir gemeldet und gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, meine Erfahrungen aufzuschreiben.“ Sie konnte, und nach einem ersten Manuskript hatte sie Blut geleckt. Wie das Buch sich letztendlich verkauft, sei ihr gar nicht so wichtig: „Für mich zählt, dass Daniel später die Geschichte seiner Familie lesen kann.“

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