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Diebstähle in Jagel : Einbrüche und Gaunerzinken: Ein Dorf wehrt sich

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Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Durch die verkehrsgünstige Lage ihres Ortes werden die Menschen aus Jagel besonders leicht Zielscheibe von Einbrechern – das hinterlässt Spuren

Jagel | 7534 Mal haben Einbrecher in Schleswig-Holstein im vergangenen Jahr zugeschlagen. Im Dezember 2013 statteten Unbekannte Michael Hilmers aus Jagel schon zum zweiten Mal innerhalb von zwei Jahren einen Besuch ab. „Ich glaube, ich bin ein gutes Querschnittsmodell dafür, wie sich Einbruchsopfer so fühlen“, sagt der EDV-Spezialist. Was für die Polizei angesichts der niedrigen Aufklärungsquote bei Einbrüchen von nur zehn Prozent oft nur ein Aktenzeichen bleibt, hat für die Betroffenen Folgen weit über den Tatzeitpunkt hinaus. In Jagel bei Schleswig beginnt wegen anhaltend hoher Fallzahlen ein ganzes Dorf, nervös zu werden.

Wegen der Lage gilt der 980-Seelen-Ort laut Polizei und Versicherungen als ein Einbruchsschwerpunkt im nördlichen Landesteil. Mit der Bundesstraße Schleswig-Rendsburg quer durch den Ort und einer vier Minuten entfernten Autobahnabfahrt sind Täter ebenso schnell da wie wieder weg. Weil sein Haus bis vor kurzem das letzte in einer bebauten Reihe am Dorfrand war, glaubt Hilmers, dass er ein Doppelopfer geworden ist – wenn auf einer Seite Nachbarn fehlen, fühlen sich Täter sicherer. Im November 2011 schlugen sie bei Hilmers die Terrassentür ein und rissen alles raus, was ihnen in Schubladen und Schränken in die Hände fiel. Der Hauseigentümer war nur eine halbe Stunde beim Arzt, doch als er wiederkam, hatten die ungebetenen Gäste eine Beute im Wert von rund 3000 Euro gemacht.

Beim zweiten Mal belief sich der Verlust auf satte 7000 Euro. Digitalkamera, Ipad, historische Uhren, eine Münzsammlung, Erbschmuck: Das ist die Palette dessen, was dem Jageler abhanden gekommen ist. „Beim zweiten Mal müssen es sich die Täter noch richtig gemütlich gemacht haben“, mutmaßt er. „Ich konnte der Couch ansehen, dass sie darauf gesessen haben. Sie haben sogar noch den Heizkörper angedreht“, schildert Hilmers, der damals über Nacht außer Haus war.

Der offenbar mehrstündige Aufenthalt Fremder verunsichert. „Drei Monate habe ich gebraucht, bis ich nicht mehr jede Nacht ständig ein Ohr Richtung Haustür und Fenstern hatte“, erzählt der Dorfbewohner. Doch das ist nicht alles: „Bis heute hat sich mein Verhalten total geändert“, bekennt Hilmers. Klingelt unerwartet jemand an der Haustür, hat sich Hilmers schon dabei ertappt, wie er eine Nebentür öffnet – um sich den Zeitgenossen erstmal aus halbwegs sicherer Distanz anzugucken. Hilmers Straße ist derart alarmiert, dass nun jeder auf jedes Haus aufpasst. Immerhin haben die Täter nach dem zweiten Einbruch bei ihm am selben Datum auch sechs Häuser weiter vorbeigeschaut. Und erst im Frühsommer hat er an seinem Carport Gaunerzinken festgestellt. Offenbar sollte es schon wieder losgehen, nachdem er als lohnendes Ziel markiert worden war.

Gaunerzinken, und zwar so heimtückisch wie nur irgend denkbar, hat Bürgermeister Jörg Meier ebenfalls an einer Metalltür an seiner Garage gesichtet. „Mit einer Art Wachsstift müssten die Zeichen aufgetragen worden sein“, mutmaßt das Dorfoberhaupt. „Bei Tageslicht waren die Zeichen nicht zu sehen – aber im Dunkeln wunderbar, wenn man eine Taschenlampe auf sie richtete.“ Bei Meiers Nachbarn zur Rechten waren die Langfinger im vergangenen Dezember schon im Haus. Nichts hat er davon mitbekommen. „Eine Viertelstunde vorher war ich noch mit dem Hund draußen.“ Allein im letzten Jahr weiß der Bürgermeister von mindestens zehn Einbrüchen in seinem Ort.

Meier erzählt: An die Gemeindevertretung gab es deshalb schon Forderungen, die Gemeinde müsse am besten jemanden einstellen, „der nachts durchs Dorf geht“. Weil natürlich kein Geld für einen Sicherheitsdienst da ist, hat der Bürgermeister einen anderen Vorstoß unternommen. Er möchte eine in Großbritannien verbreitete, in Schleswig-Holstein offenbar einzigartige Idee importieren: flächendeckende Hinweistafeln darauf, dass in diesem Ort Nachbarn besonders aufmerksam sind. „Vorsicht, wachsamer Nachbar“ oder „This is a Neighbourhood Watch Area“ steht auf 20 Schildern im DIN A3-Format, die der Gemeindearbeiter an Laternenmasten im Dorf anbringt. Sechs wurden in englischer Sprache gewählt, erklärt Meier, um auch ausländische Kriminelle abzuschrecken. „Gerade weil bekannt ist, dass professionelle Banden mögliche Ziele vorher ausspionieren, erhoffe ich mir schon einen Effekt von den Schildern,“ sagt Meier. „Schon wenn ein einziger Einbruch verhindert wird, hat es sich für mich gelohnt.“ Die volle Wirkung tritt seiner Einschätzung nach allerdings nur ein, wenn die Schilder nicht nur nach außen, sondern auch nach innen wirken, ins Dorf hinein.

„Gäbe es nicht wenigstens diese Aktion, würde sich pure Hoffnungslosigkeit breit machen“, meint Einbruchsopfer Michael Hilmers. Von der Polizei sei nur das Angebot gekommen: Einmal pro Woche könne man versuchen, in seiner Straße einen Streifenwagen vorbeizuschicken.

 

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erstellt am 08.Sep.2014 | 12:17 Uhr

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