zur Navigation springen

Kleinstheime : Ein Zuhause für vernachlässigte Kinder

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Der Kreis Schleswig-Flensburg zählt mit 60 Kleinstheimen bundesweit zu den Spitzenreitern. Fördern und Fordern lautet die Philosophie des Kinderhauses Bojum in Esgrus, in dem zwölf Kinder leben.

shz.de von
erstellt am 24.Jan.2014 | 07:45 Uhr

Bis 1974 diente die 1927 errichtete Schule von Bojum ihrem eigentlichen Zweck. Dann wurde sie geschlossen, stand ein Jahr lang leer, bevor Dietrich und Hannelore Brummack aus Bad Segeberg dort ihr Haus für heilpädagogische Erziehung mit zwölf Plätzen für Kinder und Jugendliche zwischen sechs und 18 Jahren einrichteten. Das Haus übernahm 1998 Sohn Johannes Brummack mit Frau Annika, beide sind Lehrer und Heilpädagogen. Hinzu kamen neben den zwölf Plätzen des Kinderhauses Bojum vier im benachbarten „Ohlsenhaus“ für betreutes Wohnen für Jugendliche ab 16 Jahren.

Das private Kinderhaus hat sich dem Verein „Interessengemeinschaft kleine Heime und Jugendhilfeprojekte (IKH) in Schleswig-Holstein“ mit Sitz in Schleswig angeschlossen, der 1983 von Dietrich Brummack mitgegründet worden war. Geschäftsführer Albert Kedves berichtete bei einem Besuch in Bojum, dass dem Verein landesweit 26 Einrichtungen mit rund 300 Plätzen angehören, davon 13 mit 159 Plätzen im Kreis, vornehmlich in Angeln. Doch diese privaten Einrichtungen seien nur ein Teil von vielen Kinderhäusern. Insgesamt gibt es laut Kedves rund 60 Einrichtungen dieser Art mit 900 Plätzen im Kreisgebiet, in Trägerschaft von Kirche oder Arbeiterwohlfahrt oder solche, die sich in anderen Gemeinschaften organisiert haben, etwa im Verband privater Einrichtungen (VPE) oder in der Arbeitsgemeinschaft Kleinheime (AKSH). Einige von ihnen haben sich keinem übergeordneten Verband angeschlossen. Laut Kedves gehört der Kreis Schleswig-Flensburg mit seinen rund 60 Kleinstheimen bundesweit zu den Spitzenreitern. Kleinstheime betreuen drei bis maximal 30 Kinder.

Im Kinderhaus Bojum habe sich mit der Zeit einiges geändert, sagt Johannes Brummack. Seit der Wiedervereinigung gäbe es kaum noch Kinder und Jugendlichen aus Berlin, sondern überwiegend aus Schleswig-Holstein und Hamburg. Das bestätigt Albert Kedves und erläutert, dass in der IKH landesweit 6,6 Prozent der zur Verfügung stehenden Plätze von Kindern aus dem nördlichsten Bundesland, 14 Prozent aus Hamburg und nur noch acht Prozent aus Berlin belegt werden. Für den schleswig-holsteinischen Anteil insgesamt liege der Prozentsatz für den Kreis Schleswig-Flensburg bei 25 Prozent.

In ein Kinderhaus kommen, so Brummack und Kedves, meist verhaltensauffällige Kinder, die aus Familien mit großen Problemen stammen. Das Jugendamt spricht oft von „Erziehungsunfähigkeit“. Ein bis zehn Jahre bleiben sie in dem Heim. „Seit 1976 haben wir 107 junge Menschen begleitet“, so Brummack. Die Betreuung sei keineswegs immer einfach, „aber es erfüllt uns mit Genugtuung, wenn wir sehen, wie gut sie sich entwickeln“. Als Beispiel für sein Heim in Bojum nennt er einen psychisch labilen 13-Jährigen. Es sei gelungen, ihn zu stabilisieren – inzwischen besuche er ein College in London. Allerdings kämen nicht nur Kinder aus sozial schwachen Familien in das Kinderhaus. Sie gehörten letztlich allen gesellschaftlichen Schichten an, oftmals Kinder mit „seelischer Verarmung“.

Mit Brummack als Leiter sowie zwölf Mitarbeitern zählt das Kinderhaus zu den größten Arbeitgebern in Esgrus, auf zehn Kinder kommen 5,2 Betreuer. Wichtig ist ihm der gute Kontakt zu den Schulen, die die Kinder und Jugendlichen besuchen: die Grund- und Gemeinschaftsschule in Sterup und das Gymnasium in Kappeln.

Kedves findet viel Lob für das Kinderhaus. Dort werde Integration ins dörfliche Leben praktiziert, mit Musik und Sport als wichtige Faktoren. Die Brummack-Philosophie lautet: „Im gemeinsamen Leben von Kindern und Erwachsenen werden Kinder, Jugendliche und junge Volljährige dabei unterstützt, durch Fördern und Fordern entsprechend ihrer individuellen Möglichkeiten zu einer stabilen Persönlichkeit heranzuwachsen.“

zur Startseite
Karte

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen