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Flensburger Tageblatt

24. Juni 2017 | 12:34 Uhr

Husby : Ein Tattoo zum 90. Geburtstag

vom

Die gebürtige Französin Geneviève Diedrichsen lebt seit 64 Jahren in Flensburg – das Bild soll ihr Leben symbolisieren.

Husby | Ein außergewöhnliches Geschenk erhielt Geneviève Diedrichsen aus Flensburg an ihrem 90. Geburtstag: ein Tattoo. Eine Art von Körperdekoration, die so gar nicht zu der alten Dame und ihrer konservativen Erziehung zu passen scheint: In Frankreich in einer großen Familie geboren, wuchs sie mit katholischen Werten und sehr traditionellen Umgangsformen auf. Die Großeltern wurden von den Kindern, Schwiegerkindern und Enkeln respektvoll gesiezt. Ihre Eltern waren liberaler. Diese akzeptierten auch die Liebe ihrer Tochter zu einem deutschen Soldaten und ließen sie nach dem Krieg zu ihm ins ferne Flensburg ziehen. Hier lebt die Französin seit 64 Jahren. Sie ist inzwischen verwitwet und freut sich über den engen Kontakt zu ihren Kindern und Kindeskindern. An ihnen erlebt sie den kulturellen Wandel der Gesellschaft hautnah: Piercings und Körperbemalungen sind bei ihnen weit verbreitet.

Die beiden Enkeltöchter Leonie und Sina Lehwalder arbeiten in einem Husbyer Tattoo-Studio. Leonie stach ihrer Großmutter, ihrer „Mémé“, vor zwei, drei Jahren ein kleines Herz mit einer „5“. Fünf –  für die Anzahl ihrer Enkel.

In den sozialen Netzen präsentierte Bilder von der tätowierten Geneviève erreichten die französischen Verwandten. Diese fragten ungläubig nach, ob sich ihre Schwester tatsächlich dieser Prozedur unterzogen habe. Die Flensburger Familie hingegen ist stolz auf Mémé. Seitdem wird sie von den jungen Leuten zu einem „richtigen“ Motiv ermuntert.

Anlässlich ihres 90. Geburtstages willigte sie ein. An ihrem Ehrentag wurde die Jubilarin nach ersten Gratulationsbesuchen abgeholt und ins Tattoo-Studio gefahren. Auf die französische Begrüßung durch den Studiobetreiber Nori Abassi folgte die begeisterte Aussage: „Mémé, Du bist mit Abstand meine älteste Kundin.“

Ob sie aufgeregt sei? „Nein, ich habe schon so viel erlebt.“ Und dann erzählt sie von ihren Geburtstagen, die sie in Paris mit einer ihrer Schwestern verbrachte. „Gerne fuhren wir auf den Eiffelturm und genossen einen sündhaft teuren Cappuccino.“ Nori produziert währenddessen die Stechvorlage. Die Enkeltöchter beraten. Dann darf Mémé auf der Liege Platz nehmen. Ohne Betäubung und ohne Schnaps geht es los. Nori überträgt das Motiv auf die Innenseite des rechten Arms. Die 90-jährige Dame beteuert: „Ich spüre die Nadel nicht.“ Sie schildert, wie sie bis heute mit einer ihrer in Frankreich lebenden Schwestern musiziert, ihre Schwester spielt Klavier, und sie begleitet sie gesanglich – getrennt durch die Entfernung, verbunden durch das Telefon.

Das Geburtstagstattoo: Der Eiffelturm und zwei Flaggen.
Das Geburtstagstattoo: Der Eiffelturm und zwei Flaggen. Foto: Wiebke Sach
 

Und dann ist das Tattoo fertig: ein schwarzer Eiffelturm mit den bunten Flaggen von Frankreich und Deutschland. Ein Symbol für das Leben von Geneviève Diedrichsen. Mémé erhält Küsschen von den Enkeltöchtern – und wünscht einen Kaffee, um sich für den weiteren Verlauf ihres 90. Geburtstages zu stärken.

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erstellt am 12.Jun.2017 | 18:45 Uhr

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