Hospizarbeit in Flensburg : Ein Tag mit Pflegekräften und Ärzten auf einer Palliativstation

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Im Dienstzimmer kommen die Mitarbeiter der Palliativstation zusammen. Hier finden neben beruflichen auch private Gespräche statt, hier spricht Arzt Dr. Tobias Drews mit Schwester Andrea Molzen.

Im Dienstzimmer kommen die Mitarbeiter der Palliativstation zusammen. Hier finden neben beruflichen auch private Gespräche statt, hier spricht Arzt Dr. Tobias Drews mit Schwester Andrea Molzen.

Von leeren Betten, todkranken Patienten und Aktenarbeit - wie die Arbeit auf einer Palliativstation aussieht.

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25. August 2019, 15:10 Uhr

Flensburg | Kurz vor 9 Uhr stehe ich vor dem Eingang des Katharinen Hospizes am Park, bepackt mit Kamera, Notizblock und Stift, und klingle an der Tür. Den heutigen Tag verbringe ich auf Station.

Der Eingang zum Hospiz
Jessica Gorecki

Der Eingang zum Hospiz

Das Katharinen Hospiz am Park plant einen Umbau und möchte unter anderem die Anzahl der Betten auf seiner Palliativstation von sechs auf zwölf erhöhen. Dies nimmt das Flensburger Tageblatt zum Anlass, um zu schauen, wie das Hospiz arbeitet. Im Rahmen einer Serie zum Hospiz wurde mit Mitarbeitern der verschiedenen Angebote gesprochen und sie auch auf Station begleitet. Sie berichten über ihre Arbeit, ihre Erfahrungen, was sie für ihr Leben mitnehmen und wie sie Sterben, Tod und Trauer wahrnehmen. Dabei wird klar, dass hinter dem Namen Katharinen Hospiz am Park ganz unterschiedliche Dienste stecken, die alle eines gemeinsam haben: Die Beschäftigung mit dem Leben.

Eine Frau öffnet mir die Tür. Sie ist ehrenamtliche Mitarbeiterin und arbeitet am Empfang. Von ihr erfahre ich, dass sie seit „kleinen zwanzig Jahren“ dort tätig sei, und dies auch in jedem Bereich. Heute sei sie „nur noch“ am Telefon.

Dr. Tobias Drews (45) holt mich ab. Er ist Facharzt für Anästhesiologie und hat die Zusatzweiterbildungen Palliativmedizin und Schmerztherapie. Seit Januar arbeitet er als Palliativmediziner im Katharinen Hospiz am Park als stellvertretender ärztlicher Leiter, erzählt er mir in seinem Büro.

An der Tür zum Büro hängt ein Arztkittel.
Jessica Gorecki

An der Tür zum Büro hängt ein Arztkittel.

Das Zimmer im zweiten Stock teilt er sich mit Juliane Freynhagen (63), der Ärztin auf der Station des Hospizes. Drews hat heute um 8 Uhr angefangen, Freynhagen soll gegen 10 Uhr dazukommen.

Auf Station befinden sich sechs Betten. Patienten werden den Ärzten gezielt zugeordnet, jeder betreut drei von ihnen. Bei Bedarf oder zur Unterstützung helfen die beiden sich aber auch aus.

Das Katharinen Hospiz am Park in der Mühlenstraße ist eine Palliativstation. Dr. Tobias Drews

Auf einer Palliativstation erfolgt eine palliativärztliche und palliativpflegerische Betreuung und eine enge Zusammenarbeit mit anderen Berufsgruppen - unter anderem Seelsorgern, Musik- und Physiotherapeuten sowie eine Begleitung durch Ehrenamtliche. Dadurch sei ein intensives Betreuen möglich, und so könne eine bestmögliche Symptomlinderung für die Betroffenen und eine bestmögliche Begleitung für die Angehörigen erreicht werden, erklärt Drews.

Im Durchschnitt seien die Patienten zwischen zehn und vierzehn Tage auf Station, manchmal seien es auch drei Wochen. „In der Kürze der Zeit kann man viel auf den Weg bringen“, so Drews. Das Hospiz ermögliche eine „Intensivarbeit, was die Endlichkeit angeht“. In der Medizin gehe es oftmals nur um Heilung. Die zum Leben gehörenden Abschiede würden ausgeklammert und verdrängt.

Das Katharinen Hospiz schaffe den Raum, um eben jenen Abschied vorzubereiten. „Durch unsere Arbeit möchten wir unheilbar Kranke dabei unterstützen, ihre letzten Monate, Wochen und Tage mit einer möglichst hohen Lebensqualität zu erleben, selbstbestimmt und ohne unnötiges Leiden", erklärt der Arzt.

Nach dem Gespräch nimmt mich Drews mit ins Dienstzimmer.

Im Dienstzimmer sitzt Birgit Biörnsen an einer Akte.
Jessica Gorecki

Im Dienstzimmer sitzt Birgit Biörnsen an einer Akte.

„Das ist unser Stützpunkt“, sagt er. Hier sitzt Schwester Birgit Biörnsen an einer Akte. Sie hat heute Frühdienst. Die Pumpe im Gartenzimmer, über die das Schmerzmittel gesteuert wird, sollte erhöht werden, rät Biörnsen. „Der Patient ist zu bescheiden, um mehr Schmerzmittel zu fordern“, berichtet sie dem Arzt. Eine zweite Schwester kommt rein.

Angrenzend zum Dienstzimmer liegt das Lindenzimmer, mit eigenem Bad. Dies sei nicht bei jedem Zimmer der Fall, nicht jeder Patient sei mobil. Heute ist es frei geworden.

Aus dem Lindenzimmer wurde eine Patientin nach Hause entlassen. Das freie Zimmer soll voraussichtlich am nächsten Tag bereits besetzt werden.
Jessica Gorecki

Aus dem Lindenzimmer wurde eine Patientin nach Hause entlassen. Das freie Zimmer soll voraussichtlich am nächsten Tag bereits besetzt werden.

„Die Patientin wurde nach Hause entlassen und wird weiter durch unseren ambulanten Dienst begleitet“, erklärt mir Drews. Ihm zufolge verlasse ein Drittel der Patienten die Palliativstation wieder lebend. Einige könnten stabilisiert und nach Hause entlassen werden, andere würden ins Pflegeheim oder in ein Hospiz verlegt.

Gegen halb 10 macht sich Drews zur ersten Visite auf.

Der Patient hat einen Tumor und ist erst seit wenigen Tagen auf Station. Nach der Untersuchung wird das Gespräch sehr privat. Der Patient erzählt, dass seine Schwester täglich zu Besuch komme und er froh sei, zurück nach Flensburg gekommen zu sein.

Anschließend spricht der Arzt im Dienstzimmer mit der Pflege die nächsten Schritte für den Patienten ab und verzeichnet sie in dessen Akte.

Die Physiotherapeutin kommt ins Dienstzimmer. Sie ist heute von 10 bis 12 Uhr da. In ein Buch trägt sie den aktuellen Zustand der Patienten nach Übungen ein. Kurz vor zehn betritt Freynhagen das Dienstzimmer. Die Pflege berichtet ihr, was die letzte Nacht anstand.

Warteliste

Der freie Patientenplatz soll vergeben werden. Im Moment sei keiner auf der Warteliste, da einer verstorben, ein anderer aus dem Krankenhaus nach Hause entlassen und ein dritter in die Reha geschickt wurde, erfahre ich aus dem Gespräch der beiden. Eine Patientin aus der Spezialisierten Ambulanten Palliativversorgung (SAPV) haben die beiden aber im Auge, die zu morgen das Zimmer beziehen könnte. 

Eine Woche zuvor habe ich bereits von Schwester Claudia Toporski, der Hospizleitung, erfahren, dass die Warteliste sich jeden Tag verändert.

So individuell wie wir Menschen, so individuell ist unsere Warteliste. Claudia Toporski

Einige Wartenden bekommen noch eine Therapie oder andere Möglichkeiten und benötigen den Platz nicht mehr. Für die Warteliste gebe es Kriterien, die nach Priorität sortiert seien.

Während eine Schwester ihre Anmerkungen in eine Akte des Patienten einträgt, ist Drews am Telefon. Nebenan wird das freie Zimmer vorbereitet und gewischt.

Viertel nach zehn verabschiedet sich Drews. Er hat Konsildienst im Krankenhaus, den ärztliche Kollegen im Krankenhaus einfordern können. Er komme aber gegen zwölf zurück auf die Station. Bis dahin kann ich unter anderem Juliane Freynhagen begleiten.

Das Katharinen Hospiz am Park ist eine gemeinnützige GmbH und wird von den Krankenhäusern Diako und St. Franziskus getragen. Die jährlichen Gesamtausgaben von 1,5 Millionen Euro übernehmen zu zwei Dritteln die Krankenkassen. Die übrigen Kosten von 500.000 Euro müssen über den Förderverein, Gelder der Stiftung oder direkte Spenden gedeckt werden. Dienste wie der Ambulante Kinder- und Jugendhospizdienst werden beinahe ausschließlich über Spenden finanziert. Zudem sammelt das Hospiz Gelder für den geplanten Umbau. Hierfür findet eine Benefizveranstaltung am 31. August von 15 bis 19 Uhr im Deutschen Haus statt. Der Eintritt ist frei. Spendenkonto-Nummer für die Benefizaktion „Flensburg für das Leben“: DE21 2175 0000 0165 5930 05. Verwendungszweck: Flensburg für das Leben

Weitere Teile der Serie:

Ein Tag mit Pflegekräften und Ärzten auf einer Palliativstation – Teil II

Ein Tag mit Pflegekräften und Ärzten auf einer Palliativstation - Teil III

Dr. Tobias Drews über die Arbeit im Hospiz: „Sterben war immer ein Thema“

Wie Kinder und Jugendliche in der Trauer begleitet werden

„Natürlich gibt es Tiefen, die ich in meiner Arbeit erfahren habe“

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