Bürgermeister aus Stoltebüll : Ein streitbarer Geist tritt ab

28 Jahre Bürgermeisterleben in fünf Heften: Zur Kommunalwahl im Mai will Hans-Jürgen Schwager nicht wieder antreten.
28 Jahre Bürgermeisterleben in fünf Heften: Zur Kommunalwahl im Mai will Hans-Jürgen Schwager nicht wieder antreten.

Stoltebülls Bürgermeister Hans-Jürgen Schwager ist seit 48 Jahren in der Gemeindevertretung tätig – jetzt soll Schluss sein.

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04. Januar 2018, 12:53 Uhr

Zum Gespräch kommt Hans-Jürgen Schwager mit fünf abgearbeiteten DIN-A-5-Notizbüchern. „Das sind mehr als 100 Gemeindevertretungen, meine 28 Jahre als Bürgermeister“, sagt er und lässt seine Hand auf den Stapel fallen. Im aktuellen Heft ist noch ein wenig Platz, viel braucht Schwager aber auch nicht mehr – zur Kommunalwahl im Mai will er nicht wieder antreten. Nach 48 Jahren in der Gemeindevertretung und 28 Jahren als Bürgermeister soll Schluss sein. „Das wird wohl auch Zeit mit 78 Jahren, oder?“, fragt er und als Gegenüber ist man sich nicht so ganz sicher, ob er nicht doch Widerspruch erwartet.

Hans-Jürgen Schwager ist nicht nur wegen seiner langen Amtszeit ein besonderer Bürgermeister. Fragt man Weggefährten, bekommt man immer ähnliche Antworten: Er hält mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg, er ist unbequem, hat seine Ecken und Kanten, geht keinem Streit aus dem Weg, er macht, was er will und hat keine Angst vor großen Tieren. Hans-Jürgen Schwager hört solche Urteile ganz gern. „Stimmt ja auch alles“, sagt er, „wenn mir etwas nicht passt, dann sage ich es. Und wenn ich meine, man muss etwas anders machen als vorgeschrieben, dann ändere ich es.“

Das gilt nicht nur für die eigenwilligen Notizbücher, die seine gesamte Dokumentation darstellen, sondern auch für den Ablauf der Politik in der Gemeinde. Mit seinen mehr als 700 Einwohnern müsste Stoltebüll eigentlich über einen Finanz- und noch andere Ausschüsse verfügen. Die gibt es auch – aber getagt haben die noch nie. Gar nicht notwendig, sagt der Bürgermeister. „Bei uns wird alles in der Gemeindevertretung abgehandelt. Da wird alles öffentlich von vorne bis hinten diskutiert und dann entschieden. Und auch die Bürger können mitreden. Die Bude ist voll und es kommen gute Ideen. Das ist doch viel besser als wenn Tagesordnungspunkte, die vorher schon in Ausschüssen entschieden wurden, noch einmal abgenickt werden.“ In Stoltebüll wird auch kein Sitzungsgeld gezahlt. Statt dessen werden die Gemeindevertreter mit Partnern einmal im Jahr groß eingeladen. Die Steuern wurden seit Jahrzehnten nicht mehr angehoben und liquide Mittel wurden einst in 14 Hektar Land investiert, die immer noch gute Pacht abwerfen. Stoltebüll als blühendes Dorf zu bezeichnen wäre wohl übertrieben, es gibt keinen Kindergarten, keine Schule, keine Baugebiete und auch keine Straßenbeleuchtung. „Aber die Leute sind zufrieden hier“, sagt der Bürgermeister.

Hans-Jürgen Schwager ist in Luhnstedt südlich von Rendsburg aufgewachsen und 1965 der Liebe wegen nach Stoltebüll gekommen. Der Landwirt, der seinen Hof bereits vor 20 Jahren an seinen Sohn übergeben hat, wurde 1970 erstmals für die Kommunale Wählergemeinschaft in die Gemeindevertretung berufen. „Ich komme aus einer politischen Familie, mein Opa war nach dem Krieg Landrat in Rendsburg, ich interessiere mich immer noch für alles, was auf der Welt passiert. Damals war Schwager noch CDU-Mitglied. Aber nach zwei Jahren Kommunalpolitik trat er aus der Partei aus. Der Grund ist typisch für ihn: „Ich wollte mir nicht vorschreiben lassen, wie ich Dorfpolitik mache.“

Ein Motto, das sich durch die gesamte politische Karriere zieht. Da war es nur logisch, dass er auch Bürgermeister werden wollte. 1990 trat er an und setzte sich in einer Kampfkandidatur gegen den langjährigen Amtsinhaber und Wählergemeinschafts-Kollegen Hermann Bruhn mit 5:4 Stimmen durch. „Seitdem bin ich immer einstimmig wiedergewählt worden“, sagt Schwager.

Die Entscheidung, nicht wieder anzutreten, hat mit der modernen Technik zu tun, mit der Schwager nichts am Hut hat. „Ich bin immer ohne E-Mail und Internet ausgekommen und werde das auch nicht mehr lernen“, sagt er. Wo andere längst die Dateien zu Bauanträgen, Sitzungsprotokolle und Terminvereinbarungen auf elektronischem Wege aus dem Netz ziehen, vertraut Schwager auf seine Hefte und seinen Kopf. Aber auf die Dauer wird das wohl nicht reichen.

„Ein bisschen habe ich ja Angst, dass ich ein Loch falle, wenn ich raus bin“, gibt er zu. „Es ist ja auch ganz angenehm,wenn man überall eingeladen wird und jeder einen kennt.“ Aber Hans-Jürgen Schwager ist überzeugt, dass die Einladungen nicht abrupt abreißen werden. Und so wird der kleine zähe Mann auch künftig noch bei vielen Veranstaltungen dabei sein und sich auch in den größten Sälen der Region mühelos Gehör verschaffen. Denn so leicht werden sein Sendungsbewusst sein und sein Spaß an der Provokation nicht zum Erliegen kommen. Und auch nicht seine Abenteuerlust, die ihn auch schon mal zusammen mit den Enkeln in die Diskothek treibt, um sich anzuschauen, wie die jungen Leute heutzutage feiern.

Und wenn es einmal weniger wird, dann hat er ja immer noch seine Landwirtschaft. „Dann gehe ich mit einem 10-Liter-Eimer auf den Acker und sammel’ Steine ab. Dabei kann ich wunderbar entspannen.“

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