Älter werden in Flensburg : Ein Seniorenprojekt macht Karriere

Cornelia Assmus.
Cornelia Assmus.

Präventive Hausbesuche – das Modellprojekt wird nach anderthalb Jahren zum festes Angebot für die Generation 70plus

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21. Dezember 2017, 07:31 Uhr

Präventive Hausbesuche für Ältere? Maria-Theresia Schlütter braucht nur wenige Zahlen, um die Brisanz des Themas zu verdeutlichen: 24 Prozent der gut 94 000 Flensburger Einwohner sind bereits 60 Jahre und älter. Im Jahr 2030 soll diese Quote schon auf 30 Prozent geklettert sein. Und wenn die heutigen Jungen alt werden, im Jahr 2060, ist die Bevölkerung Prognosen zufolge um sieben Millionen geschrumpft. „Die Frage ist, ob wir die geschenkten Jahre in Krankheit oder in Gesundheit leben“, sagt die Sozial-Dezernentin. Als zentrale Faktoren, die dies bestimmen, nennt sie Mobilität, soziale Kontakte sowie das Lebens- und Wohnumfeld insgesamt. Ohne Mobilität könne gesellschaftliche Teilhabe kaum mehr funktionieren. Vereinsamung drohe – ein Teufelskreis.

In einem Pilotvorhaben mit der Unterstützung der drei Krankenkassen AOK, Barmer GEK und Techniker haben ältere Menschen in Flensburg seit September 2016 die Möglichkeit, sich kostenfrei zu Hause von einer Fachkraft beraten zu lassen. Dabei sei die Erhaltung der Beweglichkeit von besonderer Bedeutung: „Durch die präventiven Hausbesuche bekommen ältere Menschen häufiger die Chance, länger in ihrem privaten Umfeld zu bleiben.“

Im Modellprojekt wurden 700 Versicherte der drei Krankenkassen ab 70 Jahren angeschrieben und auf das Angebot aufmerksam gemacht – offenbar mit Erfolg. Jetzt endet die Projektphase – es wird zum dauerhaften Angebot der städtischen Fachstelle 50plus.

„Im Alter spielen psychosoziale Faktoren eine maßgebliche Rolle“, sagt Volker Clasen von der Techniker Krankenkasse. Der Ansatz, älteren Menschen die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben so lange es geht zu ermöglichen, reduziere eindeutig Pflegebedürftigkeit und Multimorbidität. Neue Freunde finden, wieder Skat spielen und nicht allein spazieren gehen – um solche einfachen Dinge geht es. Manch einer war ewig nicht mehr im Baumarkt und freut sich auf eine solche Abwechslung. Edda Henningsen von der Fachstelle 50plus berichtet von den 26 Teilnehmern an der Pilotphase von angenehmen Gesprächen nach einem festen Leitfaden. Es gehe auch um das Gefühl: Da sitzt jemand und interessiert sich dafür, was ich tun kann. Dabei würden aber auch versteckte Risikofaktoren miterfasst.

Für Heidi Lyck von der städtischen Sozial- und Altenhilfeplanung geht es vor allem um Selbstaktivierung. „Ein Teilnehmer macht jetzt aktiv beim Swingolf mit“, berichtet sie.

In Zusammenarbeit mit dem Verein „Gemeinsam Gesundheit Gestalten“ seien bereits Gesundheitsmittler geschult worden. Es gehe auch im Einzelfall darum, eine beginnende Demenz oder einen verdeckten Schlaganfall zu erkennen, sagt Martin Oldenburg aus dem Vorstand des Vereins.

Die Krankenkassen loben das städtische Engagement. Volker Clasen: „Ich habe noch nicht gehört, dass eine Kommune das in die Regelversorgung nimmt.“

Präventive  Hausbesuche

Das kostenlose Beratungsangebot „Präventive Hausbesuche“ richtet sich an Flensburger  ab 70 Jahren, die keine Pflegeleistung empfangen und ihre Lebensqualität halten und verbessern wollen. Im Gegensatz zum bestehenden Angebot der Pflegeberatung, das auf einen bereits vorhandenen Unterstützungsbedarf reagiert und ein Pflegearrangement mit den Betroffenen entwickelt, richtet sich der präventive Hausbesuch mit einer bewussten Geh-Struktur an eine Zielgruppe im Vorfeld von Pflegebedarf und zielt auf die Stärkung der Selbstmanagement­Kompetenzen der älteren Menschen ab. Ansprechpartnerin ist Cornelia Asmus von der Fachstelle 50+ der Stadt, erreichbar unter Telefon 0461/851325.

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