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Versteckte Kamera : Ein Schock-Video und seine Folgen

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Klassenkonferenz an der Handelslehranstalt soll über Maßnahmen gegen drei betroffene Schüler entscheiden.

Ein Video-Clip polarisiert: Die Kettensägenaktion dreier Schüler aus Flensburg hat nicht nur ein riesiges öffentliches Interesse ausgelöst und bundesweit mediale Wellen geschlagen, sondern auch eine sehr kontrovers geführte Diskussion entfacht. Wie berichtet, hatten einige Tage lang zwei weiß maskierte Männer, scheinbar blutüberströmt, einer mit Kettensäge bewaffnet, der andere mit „abgetrenntem“ Arm, Passanten in Panik versetzt.

Die Szenen wurden in der Innenstadt, an der Hafenspitze und auf der St.-Jürgen-Treppe von einem Mitschüler gefilmt. Dort kam es in der Nacht zum Sonntag vor einer Woche zu einem ernsten Zwischenfall: Die 24-jährige Janin stürzte, nachdem sie auf der Flucht ins Straucheln gekommen war, kopfüber aufs Pflaster, verletzte sich an Arm und Schulter. Ihre Freundin Sarah bekam von ihrem Hausarzt eine Überweisung für den Psychiater, um das unheimliche Geschehen aufzuarbeiten.

Zwar scheint es mit abnehmendem Alter ein zunehmendes Verständnis für das „Prank“-Video zu geben, doch eine überwältigende Mehrheit verurteilt das Geschehen aufs Schärfste – und fordert Konsequenzen. Diese gibt es bereits in Form eines Ermittlungsverfahrens wegen vorsätzlicher Körperverletzung und Störung des öffentlichen Friedens durch Androhung von Straftaten (§126 StGB), wie Oberstaatsanwältin Ulrike Stahlmann-Liebelt auf Nachfrage mitteilte. „Darüber hinaus gibt es derzeit keine Informationen.“ Ob es immer noch ein Filmverbot an der Treppe oder weitere Maßnahmen der Gefahrenabwehr gibt, ließ sich gestern weder bei Polizei noch Staatsanwaltschaft in Erfahrung bringen.

Wie aber sieht es aus mit dem Anspruch betroffener Personen auf Schmerzensgeld? Diese Frage ist nicht nur bezüglich möglicher Folgeschäden durch den Treppensturz zu prüfen, sondern auch bei schwerwiegenden Verletzungen des Persönlichkeitsrechts. Ob die Voraussetzungen dafür erfüllt sind, sei eine Wertungsfrage, meint Stephan Hansen-Oest, Flensburger Fachanwalt für IT-Recht und Datenschutz-Spezialist. „Dazu müsste man das vollständige Video sichten.“ Das aber ist gegenwärtig nicht möglich, da der Clip öffentlich nicht mehr zugänglich ist. Über Umwege lassen sich allerdings Ausschnitte ausfindig machen, die insbesondere den Sturz, mehrfach in Zeitlupe wiedergegeben, in den Mittelpunkt stellen. „Die Betroffenen“, erläutert Hansen-Oest, „haben dann Unterlassungsansprüche aus dem Persönlichkeitsrecht, wenn die Personen in den Videos erkennbar sind. Sie sind jedoch verpixelt dargestellt.“

Für die Erkennbarkeit allerdings reicht es aus, wenn der Betroffene begründeten Anlass zu der Annahme hat, dass nicht nur ein „normaler“ Betrachter des Videos, sondern auch eine Person aus dem näheren Umfeld oder Bekanntenkreis den Betroffenen auf dem Video erkennen könnte – etwa durch eine auffällige Frisur oder typische Körperbewegungen. Dass das Video mittlerweile „offline“ ist, ändere nichts am Anspruch auf Abgabe von Unterlassungs- und auch Schadenersatzansprüchen – „durch die vorherige Veröffentlichung besteht nach ständiger Rechtsprechung eine Wiederbegehungsgefahr“.

Gestern Nachmittag hat Achim Trautmann (60), Leiter der Handelslehranstalt (HLA), die Schüler im Alter von 18 bis 22 Jahren, die sich einen Rechtsbeistand genommen haben, zur Rede gestellt. „Sie fühlen sich durch den öffentlichen Druck in die Enge getrieben und wirken inzwischen nervlich stark belastet“, sagte der Pädagoge. Er hoffe, seine Botschaft sei angekommen, dass die Schule, die Medienkompetenz zu vermitteln versuche, derartige Aktionen nicht hinnehmen werde. „Sie haben versichert“, so Trautmann, „keine Dreharbeiten mehr durchzuführen, die auf uns zurückfallen könnten.“ Auch wenn die Kettensägen-Aktion kein schulisches Kunstprojekt gewesen sei, sei die HLA in ein schlechtes Licht gerückt worden. „Wir sind sehr erbost darüber!“

Eine Klassenkonferenz soll nun über das weitere Vorgehen entscheiden. Schlimmstenfalls droht den Delinquenten die Versetzung an eine andere Schule – außerhalb Flensburgs.

 


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erstellt am 30.Okt.2014 | 08:05 Uhr

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