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150 Jahre Flensburger Tageblatt : Ein Schloss an der Hafenkante

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Der prächtige Dampfschiffpavillon war seit 1897 Mittelpunkt des Geschehens auf der Schiffbrücke.

shz.de von
erstellt am 09.Apr.2015 | 14:30 Uhr

Flensburg | Sie war ein Brennpunkt im Flensburger Geschehen – die Schiffbrücke, nachdem die Fördeschifffahrt so richtig in Schwung gekommen war. 1897 war der Dampfschiffpavillon in Betrieb – schön wie ein Schloss. An schönen Tagen enterten die Flensburger massenweise die Dampfer, die zu ihren Ausflügen starteten. Alte Fotos zeigen Schiffe, an deren Decks keine Handbreit Platz mehr frei zu sein schien. Von der Schiffbrücke ging es ’raus aus der Stadt, ’rein in die Sonne, an den Strand, in den Wald. Die Fördebrücke war das Sprungbrett der Flensburger hinein in ein paar Stunden Erholung, zu einem Ausflug, hinein in die Stunden der Entspannung. Vielleicht erreicht der Zob heute noch die Passagierzahlen, die einst die Fördebrücke aufweisen konnte.

Er hatte etwas von einem Schloss, der neue Pavillon, scheint das Selbstbewusstsein des Unternehmers Fiete Mommse Bruhn widerzuspiegeln, der 1866 die Fördeschifffahrt nach Flensburg gebracht hatte. Ursprünglich stand an der Westseite seit 1868 ein achteckiger Holzbau, von dem der Zugang zu den Schiffen möglich war. Der war schnell zu klein, und so wurden neben das Achteck zwei hohe Flügelbauten gesetzt, die schon im Bild des Hafens auffielen.

Doch der Komplex reichte auch nicht aus. Und dem Chef, Fiete Bruhn, reichte er auch nicht. So ließ er die Fachleute wirbeln, um einen schönen, großen Neubau an die Hafenkante zu stellen. Und so kam es. Es soll der Bahnhof von Wladiwostok gewesen sein, der das Vorbild für den neuen Flensburger Dampfschiffpavillon abgab.

Die Fassade war von einer Vielfalt, wie es an modernen Gebäuden unmöglich ist: mit Erkern, Vorsprüngen, einem markant aufragenden Turm und etlichen kleinen Spitzen auf den Dachgauben. Die Flächen zwischen dem Fachwerk in warmem Gelb gehalten. Der Pavillon entwickelte sich zum Mittelpunkt des Hafentreibens, auch deshalb, weil eine große Gaststätte eingerichtet war, von der aus der Grog mit Blick auf den Betrieb der Dampfer genossen werden konnte. Nach der Wirtin hieß die Gaststätte „Tante Christine“. Gerade 50 Jahre hat das Prachtstück gehalten, von seiner Einweihung 1896 bis zum Abriss nach dem Ende der Saison 1936. Dieses verschnörkelte Schmuckstück passte nicht mehr in die Zeit und das hölzerne Ufer-Bollwerk war verrottet.

Was dann kam, kennen die meisten Flensburger noch aus eigener Anschauung: der wenig fantasievolle Flachbau an der Fördebrücke mit seinen Ziegelwänden, eingeweiht 1937. Hier waren die Karten für die Fördefahrt erhältlich, hier inspizierten die Zollbeamten die Taschen der fleißigen Butterfahrer, ob die erlaubten Mengen an Zigaretten oder Schnaps eingehalten waren.

Das Zeug dazu, Mittelpunkt des quirligen Hafenlebens zu werden, hatte dieser Flachbau nicht. Bilder aus den 1950er-Jahren zeigen aber, dass es die Flensburger verstanden, es sich auch mit so einem Ding am Wasser schön zu machen. Die Bilder zeigen einen mit Tischen, Stühlen und Sonnenschirmen eingerichteten Gaststättenbetrieb. Bemerkenswert die Blumenkästen am Geländer der Anlegebrücke.

Mit einem Empfangsgebäude war es vorbei, als die Stadtväter in den 1980er-Jahren die Umgestaltung der Schiffbrücke beschlossen. Der Abbruch des Gebäudes war der Beginn der Bauarbeiten. Wer den Bau noch in Erinnerung hat, wird keinen großen Verlust betrauern.

Gebraucht wird heute kein solcher Bau mehr. Die Zeit der attraktiven Fördeschifffahrt ging sang- und klanglos zu Ende. Und der zollfreie Einkauf auf den per Dieselmotor angetriebenen Butterschiffen wurde auf dem Altar EU-konformer Regelungen geopfert. So brauchte es kein Gebäude mehr, in dem Zollbeamte kontrollierten. Und eine Ausweiskontrolle ist im Europa ohne Schlagbäume auch Vergangenheit.

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