Ein Prophet im Stau

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10. März 2012, 03:59 Uhr

Er steht mit dem Rücken zu seinem Orchester, das Gesicht dem Publikum zugewandt. Hält die Partitur in der rechten Hand, dirigiert gleichzeitig mit der linken, den Arm nach hinten schwingend, rudernd, wedelnd. Und er singt. Er singt!

Multitasking in Perfektion - zudem ein Bild für die Götter, das 1400 Zuhörern und knapp 200 Menschen auf der Bühne unvergessen bleiben dürfte; jeder Ton aus des Professors goldener Kehle übrigens auch.

Matthias Janz, Kirchenmusikdirektor und Leiter des Flensburger Bach-Chores, verhilft dem Auditorium im Deutschen Haus damit zu einer Weltpremiere. Leicht vergrippt, aber der Not gehorchend. Denn so hat man Felix Mendelssohn Bartholdys "Elias" noch nicht erlebt.

Als die ersten Klänge des Oratoriums erklingen sollen, ist der Prophet absent. Elias in Gestalt des Bassisten Felix Speer steht im Stau, nach einem (von ihm erstaunlicherweise nicht vorhergesehenen) Unfall auf der A 7, eingekeilt von anderen Fahrzeugen, irgendwo zwischen Neumünster und Bad Bramstedt. Schwer genervt!

Unterdessen macht sich in Flensburg leichte Panik breit. Selbst eine Absage des Konzerts wird kurz erwogen. Man fragt im Publikum nach einem Bass, der den Elias mal eben vom Blatt singen könne. Im Parkett mag es zwar Ärzte für den Notfall geben, aber gut ausgebildete und mutige Sänger sind hier offensichtlich Mangelware.

Flensburg ist eben nicht Essen. Dort stellte sich jüngst in Ermangelung eines Tenors tatsächlich ein Ersatz aus dem Publikum spontan zur Verfügung. Der Tenor, so weiß eine Besucherin auf dem Rang zu berichten, habe noch schlafend im Hotelbett gelegen. Als der müde Sänger schließlich aufgetaucht sei, habe man ihn nicht mehr auf die Bühne gelassen. Seine Vertretung hatte die Herzen der Hörer im Sturm erobert.

Jetzt greift der Janz- Plan B. Tenor Simon Bohde muss neben seinem eigenen Part den Bass singen. Janz, der in jungen Jahren auch Gesang studiert hat, setzt im Bass ein mit den Worten "Gib mir her deinen Sohn! Herr, mein Gott, vernimm mein Flehn!" Doch niemand erhört ihn. Auch nicht, als der Dirigent frühzeitig eine Pause einlegt - inständig hoffend auf die Ankunft Felix Speers.

Doch der verhandelt derweil auf der Autobahn mit der Polizei. Ginge es vielleicht über die Standspur, mit Blaulicht, mit dem Hubschrauber? Man warte auf ihn. Es pressiere gar sehr. Die Beamten: Unfall ist Unfall, Konzert ist Konzert. Hier gelte es, lassen sie wissen, Menschenleben zu retten. Er möge sich bitte nicht aufregen.

Das Publikum in Flensburg wird auf dem Laufenden gehalten. Und reagiert verständig. Generalmusikdirektor Mihkel Kütson am Klavier übt in den Katakomben mit Simon Bohde schnell den schweren Basspart des Elias ein. Der schwitzt Blut und Wasser, meistert seinen Auftritt aber mit Bravour.

Endlich, endlich tritt Felix Speer auf die Bühne. Schwer gezeichnet. Mit den Nerven am Ende. Als sein Elias in die Wüste geht, singt er mit letzter Kraft: "Es ist genug! So nimm nun, Herr, meine Seele!"

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