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Flensburger Tageblatt

25. November 2017 | 04:42 Uhr

Ein Projekt mit Rum und Zucker

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Flensburger und Kieler Studierende begeben sich auf die Spuren des Westindienhandels

Viele Jahrhunderte profitierten die Schleswig-Holsteiner als Teil der dänischen Monarchie vom Überseehandel unter der dänischen Flagge. Aus den Kolonien in den Tropen gelangten Gewürze, Tee und Tuchwaren ebenso zu uns wie Zucker von den karibischen Jungferninseln. Zuckerproduktion war Sklavenarbeit; und viele tausend Sklaven wurden auf dänischen Schiffen von den Sklavenfestungen an der afrikanischen Goldküste unter erbärmlichen Bedingungen in die Karibik transportiert. Zahllose von ihnen kamen niemals dort an.

Der Handel mit Kolonialwaren begründete auch hierzulande den Reichtum vieler Kaufleute. Vor allem Flensburg profilierte sich als wichtiger Importeur für Zucker und Rum. War den Schleswig-Holsteinern damals bewusst, dass jene Konsumgüter, die sie daheim genossen, oft von Sklavenhand produziert worden waren? Äußerte sich schon im 18. Jahrhundert Kritik darüber oder wurde Sklaverei unreflektiert hingenommen? Welche Spuren hat der Kolonialhandel der Schleswig-Holsteiner bis heute hinterlassen? Und viel wichtiger: Welche Verantwortung kommt der Forschung heute bei der Aufarbeitung dieses unbequemen Erbes zu? Fragen, mit denen sich Flensburger und Kieler Studierende im Rahmen eines Forschungsprojektes „Koloniale Erinnerungsorte im Norden und globale (Konsumenten-)Verantwortung“ beschäftigen.


Konsumentenverantwortung ist ein Aspekt des Projekt


Ein Anlass für dieses Forschungsprojekt ist der 100. Jahrestag des Verkaufs der dänischen Kolonien in der Karibik an die USA 1917. Vielmehr aber noch geht es um ein Thema, das in der Öffentlichkeit immer größere Bedeutung erlangt: Konsumentenverantwortung. Auch wenn die Sklaverei offiziell schon längst abgeschafft ist, werden in einigen Ländern Kaffee, Tee und andere Produkte immer noch unter unmenschlichen Bedingungen oder mit illegaler Kinderarbeit hergestellt.

Globales Lernen möchte Menschen befähigen, Verantwortung zu übernehmen im Hinblick auf die Gestaltung würdevoller Lebensverhältnisse hier und in anderen Teilen der Welt. Die Initiative für das gemeinsame Forschungsprojekt von EUF und CAU kam entsprechend vom entwicklungspolitischen Landesnetzwerk „Bündnis Eine Welt Schleswig-Holstein“. Für ein viertägiges Blockseminar bot das Glücksburger Bildungszentrum für nachhaltige Entwicklung „artefact“ den passenden Rahmen. Im Gespräch mit Studierenden aus Togo und Uganda konnten die deutschen Studierenden ihre eigenen Werte und Vorstellungen über die Bedeutung der kolonialen Vergangenheit prüfen. Besuche im Schifffahrtsmuseum in Flensburg und im Nationalmuseum in Kopenhagen verschafften einen beispielhaften Überblick über Lern- und Arbeitsorte.

Die Ergebnisse der Kooperation über koloniale Erinnerungsorte werden im Januar 2016 in Form einer Posterausstellung in der dänischen Zentralbibliothek in Flensburg zu betrachten sein. Für diese Ausstellung suchen die beiden Universitäten noch Erinnerungsstücke: Viele Relikte aus Übersee liegen verstaubt und ungenutzt auf dem Dachboden oder im Keller privater Haushalte: Fotoalben, Tagebücher, Briefe, Kleidungsstücke, auch Artefacte wie Masken, Statuen. Bürger werden daher gebeten, Erinnerungsstücke aus ihrem Privatbesitz im Schifffahrtsmuseum oder bei Prof. Lundt an der EUF abzugeben und für Forschungen zur Verfügung zu stellen. Kontakt: lundt@uni-flensburg.de.

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