Mit Down-Syndrom in die Kita : Ein Platz für Julie in letzter Minute

Julie Hafke mit Vater Steven Hafke und Mutter Sabrina Feser-Hafke
Julie Hafke mit Vater Steven Hafke und Mutter Sabrina Feser-Hafke

Die Eltern der kleinen Julie aus Flensburg suchten lange einen Kita-Platz - eine Odyssee durch die Einrichtungen. Und der Kirchenkreis mahnt größere Inklusions-Anstrengungen an.

shz.de von
28. Juni 2014, 08:00 Uhr

Der Frust sitzt tief. Monatelang haben Sabrina Feser-Hafke und ihr Mann Steven nach einem Kita-Platz für ihre bald dreijährige Tochter gesucht. Ohnehin keine leichte Aufgabe. Doch für das Ehepaar fast unlösbar. Denn ihr Kind ist vom Down-Syndrom betroffen.

Die Eltern mussten feststellen, dass bei weitem nicht alle Einrichtungen darauf eingestellt sind, ein behindertes Kind aufzunehmen. „Wir haben Julie vorsorglich bei zehn Kindergärten angemeldet, haben vier Vorgespräche geführt und schließlich eine mündliche Zusage bekommen“, sagt Sabrina Feser-Hafke. Die wurde nach Prüfung durch den Träger allerdings nicht bestätigt – Julie stand kurz vor den Sommerferien ohne einen Betreuungsplatz da.

Das Leben ist für die Familie hart genug. Erst vier Monate nach der Geburt stellen die Ärzte fest, dass Julie mit Trisomie 21 zur Welt gekommen ist. Eine Behinderung, weil die Betroffenen das 21. Chromosom, nicht zwei, sondern drei Mal besitzen. Zudem leidet das Kind unter einem Herzfehler, muss operiert werden, als es schon fast zu spät ist. „Wir hatten es sehr schwer mit ihr“, sagt Steven Hafke.

Julie liegt in ihrer Entwicklung weit zurück, sie spricht wenig, kommuniziert weitgehend über Mimik und Gestik. „Motorisch ging es mühsam voran“, sagt die Mutter, „erst mit zwei Jahren fing sie langsam an zu laufen, wir haben sie viel tragen müssen.“ Ein Segen für Julie ist die Krippe des privaten Trägers Adelby 1, in der das Mädchen untergebracht ist. Die Leiterin der Einrichtung im Geburtshaus an der Marienallee hat eine heilpädagogische Ausbildung, was sich für das gehandicapte Kind als unverzichtbar erwies. „Unsere Tochter hatte dort nie Probleme, wurde nie als Außenseiterin behandelt“, sagt der Vater. Dennoch waren die Eltern in Sorge: „Immer wieder belastete uns der Gedanke: Was soll nach den Sommerferien werden?“

Als Ende letzten Jahres die mündliche Zusage vom Kindergarten St. Gertrud kam, fiel dem Paar ein riesiger Stein vom Herzen. „Wir haben den guten Willen gespürt, es war dort alles sehr herzlich.“ Es sagte bei allen anderen Einrichtungen ab, um den Platz nicht zu blockieren.

Doch am 10. April, also viereinhalb Monate später, kam ein ernüchternder Anruf. Sabrina Feser-Hafke erinnert sich: „Die Kita-Leiterin sprach von einer mittelschweren Katastrophe. Der Träger habe beschlossen, Julie nicht aufzunehmen, man könne ihr nicht gerecht werden, sie nicht so fördern, wie sie es brauche.“ Man habe ihr eine andere Einrichtung, die barrierefreier sei, empfohlen. „Aber um Barrierefreiheit geht es bei Julie doch gar nicht“, sagt die enttäuschte Mutter.

Gerd Nielsen, Leiter des ev. Kita-Werkes des Kirchenkreises Schleswig-Flensburg, erläutert die Hintergründe der Entscheidung: Die Zusage, betont er, sei vorbehaltlich einer Prüfung durch die Fachberatung erfolgt. Die sei zu dem Schluss gekommen, dass die räumlichen Voraussetzungen in St. Gertrud nicht gegeben seien, überdies gebe es dort keine Integrationsgruppe. „Wir hätten Einzelintegrationsmaßnahmen durch eine Heilpädagogin vornehmen müssen. Die werden aber stundenweise nur in einer begrenzten Anzahl genehmigt.“

Diese Kapazitäten lagen offenbar nicht vor. „Ich bedaure das sehr“, sagt Nielsen. Ebenso, dass es an einem Stadt-übergreifenden Inklusionskonzept mangele. „Wir sind Befürworter der Inklusion“, stellt Nielsen klar, „wer, wenn nicht wir!“ Doch dafür fehlten Strukturen und Rahmenbedingungen. „Leider sind wir oft nicht in der Lage, das umzusetzen.“ Und Leidtragende seien letztlich immer die Kinder. „Für Eltern“, fordert Nielsen, „darf es keinen Lauf durch die Instanzen geben, und keine Quotenkinder, die hinten runter fallen!“

Die Flensburger Familie erlebt indes doch noch ein Happy End – quasi in letzter Minute. Denn dieser Tage kam die Mitteilung von Adelby 1, dass Julie nach den Ferien in die Kita am Preesterbarg aufgenommen werden kann. „Die haben sich richtig ins Zeug gelegt“, freut sich Sabrina Feser-Hafke. „Wir sind dafür unendlich dankbar.“

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