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Flensburger Tageblatt

22. August 2017 | 03:58 Uhr

Ruhestand : Ein Pionier des Tierschutzes

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Der „Herr der Tiere“ geht in Rente – Willy Sandvoß warnt vor falsch verstandener Liebe zu Hund und Katze.

Allein an diesem Tag sind es 15 bis 20 Anrufe gewesen, schätzt Willy Sandvoß. Und manche Menschen, die ihre Tiere loswerden wollen, gehen zum Äußersten. „Ich erschlag’ die Katze sonst“, zitiert der Leiter des Flensburger Tierheims eines der Argumente, mit dem ihn die Anrufer zwingen wollen, seine Kapazitäten zu überschreiten. Doch selbst wenn er wollte, kann sich Flensburgs bekanntester Tierschützer nicht erweichen lassen. Rein rechtlich, sagt er, dürfe er lediglich 70 Katzen im Katzenhaus beherbergen. Im Moment seien es 98.

Wegen des „Drucks von außen“ sei ihm die Arbeit anfangs schwer gefallen, erinnert sich Willy Sandvoß. „Was mich oft geärgert hat, ist das Anspruchsdenken der Menschen“, räumt er ein. Seit 1983 leitet Sandvoß das Tierheim an der Westerallee. Zum 1. September geht er in Rente.

Willy Sandvoß ist Anfang des Monats 63 geworden und hat „45 Jahre voll“, die es braucht, um sich ohne Abzüge aus dem Arbeitsleben zurückzuziehen. Zugleich beruhigt er alle, die ihn kennen und brauchen. Als erster Vorsitzender des Tierschutz-Vereins wird Sandvoß der Stadt nicht verloren gehen. Er wolle mehr Zeit seinen Ehrenämtern widmen – als Tierschutz-Inspektor, im Landestierschutzverband und in der Jagdgenossenschaft. Zudem werde er regelmäßig im Büro vorbeischauen und seinem Nachfolger Stefan Schlüter zur Seite stehen. Den 34-Jährigen hat er zum Tierpfleger ausgebildet.

„Tierschutz zu verstehen, das wirst Du erst in zehn Jahren“, hat ihm seinerzeit sein Mentor Paul Schulz auf den Weg gegeben. Der prominente Flensburger mit dem Spielwarengeschäft in der Norderstraße sollte recht behalten. Das Thema sei „derart komplex“, hat auch Sandvoß in über 30 Jahren gelernt. In seiner Heimat Niedersachsen hat er sich zunächst zum Tier-Wirt ausbilden lassen, bevor es ihn wegen der Marine nach Norddeutschland verschlug. Sein Vater hatte versucht, ihn für ein Handwerk wie das Klempnern zu begeistern. Doch habe er sich in seinem Dorf bei den Bauern schlau gemacht, welche weiteren Möglichkeiten es gab. „Das ist etwas anderes, mit Tieren zu tun zu haben als mit toten Dingen“, fand Sandvoß schon damals. In Flensburg dann habe ihn „Mr. Tierschutz“ Paul Schulz selbst angerufen. „Es ist eine schöne Sache, sich für etwas einzusetzen“, resümiert der Tierheim-Chef und hat sich nicht gewehrt gegen die neue Aufgabe.

Von da an sei er bei Paul Schulz am Bohlberg ein- und ausgegangen. Lachend erinnert sich Sandvoß, dass er auch bei der Buchhaltung half und Frau Schulz ihn stets bat: „Den Taschenrechner bringste mit.“ Schulz’ Streben, ein Tierheim zu errichten, wurde am 24. Juli 1976 mit dem Richtfest wahr. „Durch ihn, durch uns“, korrigiert Sandvoß stolz, „ist der Tierschutz richtig gewachsen.“

Natürlich habe auch sein Verein stets die Frage nach Geld stellen müssen. Zum Glück gehöre dem Tierschutz-Verein das Gebäude samt dem Gelände von 2,6 Hektar. „Nur ein Tierheim zu haben, heißt nichts. Ich muss es auch tragen können“, weiß Sandvoß und beziffert die laufenden Kosten im Monat auf bis zu 25 000 Euro. 2000 Tiere werden im Jahr abgegeben; mitunter würden die Behandlungskosten mit 5000 bis 9000 Euro zu Buche schlagen.

Die Einstellung der Menschen im Umgang mit Tieren habe sich verändert, beobachtet Sandvoß. Seltsamerweise mehrten sich Notfälle wie Fund-Tiere beispielsweise vor den Sommerferien. Die ungehinderte Vermehrung von Katzen sei auch ein Problem; heutzutage könnten sich viele Tierhalter die Kastration der Katzen nicht leisten. Früher gab es deshalb Kastrationswochen im Tierheim. Doch als sich das herumgesprochen hatte, unterband das Ministerium diese Art der Problemlösung wegen „Unterlaufens der Gebührenordnung“, erinnert sich Sandvoß. Aktuell leidet das Tierheim an den Konsequenzen des Gefahrhundegesetzes. „Wenn sich ein Hund als gefährlich erwiesen hat, bekommt der Halter Auflagen.“ Die Hunde-Besitzer halten sich nicht daran; der Vierbeiner lande in der Westerallee. „Das dürfen wir ausbügeln“, kritisiert Sandvoß. Noch eine Gruppe, die ihn, seine Mitarbeiter und viele Ehrenamtler herausfordert, sind die keineswegs seltenen „Tier-Messis“, die aus „falsch verstandener Tierliebe“ Haustiere horteten. Vor zwei Jahren nahm er sieben Hunde eines Halters auf, die er wieder „hinbekommen“ habe, sagt Sandvoß. Zwei seien noch immer zu vermitteln.

Ihm selbst, der ruhig und mit Weitblick über Felder auf dem Land lebt, kommt demnächst auch wieder ein Hund ins Haus, kündigt Flensburgs erster Tierschützer an. „Natürlich einer aus dem Tierheim.“

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erstellt am 13.Aug.2014 | 07:24 Uhr

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