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Flensburger Tageblatt

12. Dezember 2017 | 17:15 Uhr

Ein Phänomen mit Wort und Stimme

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Pop-Poetin Julia Engelmann gastiert erstmals in Flensburg und lockt 350 Zuhörer ins Max

shz.de von
erstellt am 30.Nov.2015 | 13:18 Uhr

Es fängt schon damit an, dass man nach dem Wort suchen muss für das, was Julia Engelmann macht, wenn sie auf Tour geht. Lesen? Kaum. Gedichte vortragen? Ja. Singen? Auch. Jedenfalls sind die Säle, in denen sie dieser Tage auftritt, nicht selten ausverkauft. So wie das Max am Freitag in Flensburg mit 350 Leuten. Vor allem jüngere Frauen hören der Bremerin zu, auch ein paar männliche Begleiter dazu, wenige Menschen, die Engelmanns Eltern sein könnten. Tatsächlich aber ist ihre Mutter dabei, wird später das Mikro und eine Rolle übernehmen.

Julia Engelmann ist ein Phänomen. Irgendwann hat sie Theater gespielt, ist in einer RTL-Seifenoper als Eishockeyspielerin erschienen, erlangte eines ihrer Gedichte „Eines Tages, Baby“ erst verspätet und scheibchenweise, dann schlagartig Bekanntheit unter Millionen Internet-Besuchern, die sich das Video von jenem Poetry Slam in Bielefeld ansahen.

Engelmann hat mal in einem Interview erzählt, dass anfangs auf ihrem Büchertisch noch lose Blätter mit ihren Texten lagen, die keiner haben wollte. Das dürfte sich in den letzten zwei Jahren geändert haben. Heute geht es bei manchen ihrer Autogrammstunden so zu wie bei einem Konzert mit Teenie-Idolen. Ist sie eines? Die Stimmung vor den Autogrammen in Flensburg lässt das zunächst nicht unbedingt erwarten; die Menge wirkt zurückhaltend, womöglich hören die meisten zu. Das lohnt sich und ist ja der Sinn dieses Abends, denn die 23-jährige blonde Bremerin, die einfach schwarz, dafür auffällige Schuhe trägt, reimt so schlicht wie schön. Als „nüchtern zu schüchtern und besoffen zu offen“ beschreibt sie jemanden, konstatiert, dass sie „kein gutes Bauchgefühl“ habe, weil sie es „mit Hunger verwechsle“ und erzählt über ihr „Herz, das ich zu selten auf der Zunge trage, weil ich Angst habe, es zu verschlucken“. Viel Witz, viel Geist, viel Wahrheit steckt in Engelmanns Texten; dass sie letztere intuitiv aufschreibt, wird die Psychologie-Studentin später verraten, und, dass sie schreibt, was sie denkt. Dass das so rhythmisch klingt und berührt, ist ein Talent. „Ihr gebt mir Wurzeln in die eine und Flügel in die andere Hand“, dichtet sie in ihrem Loblied an die Eltern.

Engelmann schnappt sich ihre Gitarre, verabschiedet sich kurz vom Mikro mit einem „pantomimisch im Oberkörper angedeuteten Abgang“ (das sind ihre Worte) und „Bäm – Bühnenumbau“. Sie kehrt sofort zurück, war ja gar nicht richtig weg. Die kleinen Kommentare ihrer Bühnenhandlungen ersetzen Mitspieler – „Mundharmonika-Solo!“, das sie tatsächlich pfeift – oder schaffen Bilder: „Gospelchor, Konfetti, Pyro!“ Auch solche: „Golden Retriever als Katze verkleidet.“ Das mag manchem zu albern sein. Vielleicht auch die Fragestunde zwischendurch, bei der Bea Engelmann, Julias Mutter, mit dem Mikro im Publikum unterwegs ist und es jenen vor den Mund hält, die wissen wollen, ob Julia Tipps fürs Gedichte schreiben gibt oder einen festen Freund hat.

Die Fähigkeit zur Selbstironie indes macht die Pop-Poetin noch sympathischer. Und ihr guter Musikgeschmack... „Just a boy“ heißt einer ihrer Lieblingssongs vom australischen Geschwisterpaar Angus und Julia Stone. Sie interpretiert ihn mit überraschend klarem, hellen Gesang, während ihre Sprechstimme doch eher an Jodie Fosters herbe deutsche Synchronstimme erinnert. „Eines Tages, Baby“, der Beitrag übers Leben leben, der sie bekannt gemacht hat und den die Massenmedien en masse gedeutelt haben und auf den es Candy- und Shitstürme geregnet hat, basiert ebenfalls auf einem Lied. „One day / Reckoning Song“ ist der Titel und stammt vom israelischen Musiker Asaf Avidan. Bei ihrem bekanntesten Gedicht zeigt sich Engelmann in Flensburg in Höchstform. Es sitzt, stimmt, überzeugt; der Vorwurf des Berechenbaren nicht. „Das Authentische“ mögen sie so an Julia Engelmann, sagt ein Flensburger Pärchen nach der Zugabe.

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