Ein packender Beethoven

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19. November 2012, 03:59 Uhr

Flensburg | Wenn Matthias Janz und seine kompakt auftrumpfenden Ensembles die "Missa solemnis" von Ludwig van Beethoven in einer vor innerer Erregung und Dramatik vibrierenden Wiedergabe zum musikalischen Ereignis werden ließen, mochte man schnell vergessen, wie umstritten dieses gewaltige Werk einstmals war. Als Messe im gottesdienstlichen Sinne galt lange Zeit Beethovens "opus magnum" einigen Katholiken zu "gefühlsegoistisch und wüst", prinzipienfesten Protestanten als zu "unkirchlich", Vertretern des puristischen Caecilienvereins gar als "ungehörig, weltlich und viel zu theatralisch".

Unsere heutige Sicht ist sicher eine andere: Hier werden tatsächliche Schärfen und vom Zweifel geprägten Schroffheiten nicht mehr von mystizistischen Nebeln verschleiert, sondern als aktuelle, zeitlose, vitale Auseinandersetzung um den Glauben in der Welt begriffen.

Aus diesem Geiste eines Ringens um Klarheit heraus gelang Janz, seinen Chören (Symphonischer Chor Hamburg und Flensburger Bach-Chor), dem Sønderjyllands Symfoniorkester sowie hochkarätigen Solisten (Polina Pasztircsák, Sopran; Marion Eckstein, Alt - beide kurzfristig eingesprungen; Ray M.Wade jr., Tenor; Yorck Felix Speer, Bass) eine exemplarische Interpretation voller Leidenschaft, durchgehend hoher Präzision und elastischer Durchhörbarkeit. Bei oftmals extremen Tempi erlebte man fortwährendes Ergründen der letzten Dinge, ein Rasen zwischen Schrei und Demut, Inbrunst und Wesenlosigkeit, Verkündung und Mystik.

Der Zugriff von Matthias Janz war bisweilen emphatisch, beschwörend, hochimpulsiv - das Klangergebnis differenziert, plastisch, "entfettet". Pointierte Akzentuierungen, exstatische Ausbrüche, ein reiches Spektrum an Klangfarben und Abschattierungen, all dies stand den packend aufspielenden Sinfonikern und vorzüglich agierenden wie reagierenden Chören reichlich zu Gebote. Entrückt das hinreißend gelassene Violinsolo von Konzertmeister Rumen Lukanov im "Benedictus", antagonistisch geschärft der irritierende Wechsel zwischen verzweifelt flehendem "Dona nobis" und drohendem Kriegsfuror als zeitlos-aktuelle Mahnung im Sinne eines unerschütterlichen Humanitäts-Appells.

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