Ein Naturidyll hinter Handel und Industrie

Schwelgen in Erinnerungen: Dieter Pust (li.) und der ehemalige Bewohner Jürgen Paulsen.  Foto: Staudt
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Schwelgen in Erinnerungen: Dieter Pust (li.) und der ehemalige Bewohner Jürgen Paulsen. Foto: Staudt

Das Wohngebiet Am Sophienhof im Südwesten Flensburgs hält für Radfahrer und Spaziergänger viele Überraschungen bereit

shz.de von
23. Juli 2011, 05:14 Uhr

flensburg | Eine angerostete Brücke und das Trümmerfeld des vom Brand zerstörten Thomas-Philipps-Gebäudes sind das erste, was Autofahrer auf der Husumer Straße Richtung Weiche von dem Wohn- und Gewerbegebiet Am Sophienhof sehen. Eigentlich zu nüchtern, zu unromantisch für einen so wohlklingenden Namen.

Der eigentliche Sophienhof aber gibt sich jenen zu erkennen, die von der Husumer Straße abbiegen und das Gewerbegebiet hinter sich lassen. Hier nämlich verbirgt sich "eine stadtrandnahe Wohnoase im Grünen", wie Historiker und Archivpfleger Dieter Pust das Viertel beschreibt. Einfamilienhäuser, Seen und Teiche bestimmen das Bild in diesem Naturidyll - in dem die Siedlungsstraßen Igel-, Wiesel-, Marder-, Iltis- und Hasenhof nach den kleinen Nagern benannt wurden, die hier beizeiten durch das Unterholz streifen.

Das Wohnquartier Am Sophienhof entstand - wie der Name sagt - vom Sophienhof ausgehend, dessen Wohnhaus im Jahre 1845 von einem Kaufmann namens Hans-Christopher Ohlsen für dessen Sohn gebaut wurde. Der Erbauer benannte den Hof nach seiner Ehefrau. Vier Jahre später starb sie. "Die Dame hat wohl den Schock nicht verkraftet", mutmaßt Pust mit einem Augenzwinkern. Ein Bild gebe es auch nicht von der namentlich verewigten Frau: "Sie beansprucht wohl Datenschutz", scherzt er.

Nachdem der Hof unter anderem als Lehr- und Versuchsanstalt der schleswig-holsteinischen Bauernschaft diente, leben hier heute sieben Parteien, erzählt Jürgen Paulsen. Er wohnte fast dreißig Jahre hier. Als das Gewerbegebiet weiter wuchs, wurde es ihm und seiner Frau zuviel mit dem Trubel. Sie zogen ins Ostseebad: "Den schönsten Stadtteil Flensburgs, wie ich gelesen habe", sagt er lachend und fügt hinzu: "Hier ist es auch schön. Irgendwo hats was."

Mit dem Rad könne man hier entspannen oder auf kurzem Weg zum Campus gelangen, erklärt Pust und zeigt auf das Scherrebektal um die Jarplunder Au, die im Mühlenstrom in der Innenstadt endet. Er selbst nutzt diese Möglichkeit gern, wenn er zur Landeszentralbibliothek möchte: "Wenn das Wetter gut ist, ist das ein schöner Radweg", erzählt er. Infotafeln weisen darauf hin, dass man sich im Landschaftsschutz- und Naturschutzgebiet befindet, direkt hinter der Wohnsiedlung.

Ursprünglich sei alles anders geplant gewesen, erklärt Pust. Denn auch dort, wo jetzt große Gewerbebetriebe wie Holtex oder die Druckerei Harry Jung ihren Sitz haben, sollten eigentlich Wohnhäuser entstehen, die Siedlung Am Sophienhof mit Flensburg-Weiche zusammenwachsen. Dafür willigten die Bewohner ein, die Entwässerungskosten sowie die Kosten für die Straßenbeleuchtung bis zur Husumer Straße zu tragen. Eine Kirche, um den erwarteten Anstieg der Gemeindemitglieder aufzufangen, wurde 1968 gebaut: die heutige Friedenskirche in Weiche. Dazu, dass die Siedlung bis dorthin reichte, kam es nie. Ende der sechziger Jahre wurde der Plan der Wohnbebauung gekippt, Gewerbetreibende machten Angebote. Ende der siebziger Jahre erlöste die Stadt die Bewohner schließlich von den Kosten für Entwässerung und Straßenbeleuchtung.

Anfang der Neunziger kam der große Coup: Ein Investor aus den USA investierte rund 120 Millionen, erzählt Pust. Motorola richtete auf zwölf Hektar Fläche Geschäftsräume ein. "Niemand hat damit gerechnet, dass ein so großer Betrieb hierher kommt."

Trotz des raschen Wachstums finden sich heute hinter Lärmschutzwällen auf gut 21 Hektar Fläche Einfamilienhäuser, kleine Fischteiche und ein kleines Waldstück. "Die Leute haben hier selbst gefischt und sich so teilweise selbst versorgt", so Pust.

Auch, dass die Süd- und Südostgrenzen des Viertels gleichzeitig auch die Stadtgrenze bilden, macht den Sophienhof besonders: Entlang der Straße An der Schleswag und der Jarplunder Au finden sich einige der Feldsteine, die diese Grenzen teilweise seit dem Jahre 1601 markieren. Unscheinbar sehen sie aus, verbergen jedoch knappe zwei Meter ihrer Höhe in der Erde. "Einige von ihnen sind abhanden gekommen", weiß Pust zu berichten, deshalb seien sie heute einbetoniert. Diese Steine bildeten im 18. Jahrhundert die Grenze für Kolonisten - sie durften das Stadtfeld nicht bewohnen und wirtschafteten auf dem Land der angrenzenden Ämter. Gegenüber eines ehemaligen Kolonistenhofes bildet nun der Kolonistenweg die Grenze der Siedlung gen Westen zum Stadtteil Weiche.

Bei einem flüchtigen Blick aus dem Autofenster auf 62 Hektar Gewerbegebiet, lässt sich so viel Geschichte, so viel Natur und so viel Wohnqualität schwer erahnen.

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